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18. September 2025 | Dipl. Met. Marcus Beyer

Tornadoforschung in Deutschland - FrĂŒher und heute

Tornadoforschung in Deutschland - FrĂŒher und heute

Datum 18.09.2025

Im heutigen Tagesthema wird geschaut, wie sich die Tornadoforschung in Deutschland entwickelt hat und es wird gezeigt, welche Fortschritte insbesondere in den letzten 25 Jahren gemacht wurden.

Einleitung

Das Tornados auch in Deutschland jedes Jahr zu SchĂ€den fĂŒhren, ist kein Geheimnis. TatsĂ€chlich gibt es jĂ€hrlich im Schnitt 45 bestĂ€tigte Tornados in Deutschland, wie die Zahlen der letzten 25 Jahre zeigen.

AnfÀnger der Tornadoforschung

Das PhĂ€nomen des Wirbelwindes wird schon sehr lange auch in Deutschland untersucht. Die erste Vor-Ort Untersuchung eines Tornados stammt aus dem Jahr 1765. Der Theologe, PĂ€dagoge und Naturforscher Gottlob Burchard Genzmer dokumentierte in Nordostdeutschland (Regionen rund um Feldberg und Woldegk) ein verheerendes Ereignis vom 29.Juni 1764 mit Hilfe von Augenzeugenbericht und Illustrationen auf Kupferplatten. Das Ereignis war einer von nur zwei TornadofĂ€llen der stĂ€rksten IntensitĂ€t F5, die fĂŒr Deutschland dokumentiert sind.

Im Jahr 1850 wurde vom Naturforscher Charles Frédéric Martins Beobachtungskriterien zur Erfassung von Tornados in den Annalen der Physik veröffentlicht. Dies war quasi eine Checkliste zur Dokumentation von Wirbelwinden.

Im Jahr 1884 erschien zum ersten Mal die „Meteorologische Zeitschrift“ als wissenschaftliche Fachzeitschrift der Deutschen, Österreichischen und Schweizer Meteorologischen Gesellschaften (DMG, ÖMG, SMG). In diesem Fachblatt wurden regelmĂ€ĂŸig auch Kurzinformationen zu TornadofĂ€llen veröffentlicht.

Im 20.Jahrhundert machte sich vor allem Alfred Wegener einen Namen, als er 1917 mit seiner umfangreichen Tornado Klimatologie ein eindrĂŒckliches Standardwerk zu Wind- und Wasserhosen in Europa lieferte. WeitergefĂŒhrt wurden diese Arbeit unter anderem von Johannes Peter Letzmann im Jahr 1937, der Richtlinien zur Erforschung von Tromben, Tornados, Wasserhosen und Kleintromben lieferte. Dieses systematische Handbuch fĂŒr Beobachter wurde im Auftrag der Deutschen Seewarte und der Meteorologischen Gesellschaft veröffentlicht. Deutschland war mit dieser Forschungsarbeit weltweit Vorreiter.


Auf dem Bild sieht man zwei frĂŒhe Veröffentlichungen zu Tornados. Links von Gottlob Burchard Genzmer aus dem Jahr 1765 und rechts das vielbeachtete Standardwerk von Alfred Wegener aus dem Jahr 1917.


Nachlassende Interesse

In den fĂŒnfziger und sechziger Jahren schwand das Interesse an Tornados zusehend. Obwohl es auch und gerade in diesem Zeitraum viele Tornadomeldungen gab, wurde nicht weiter an dem Thema in Deutschland geforscht. Erst Anfang der 70er Jahre stieg das Interesse nach einigen starken TornadofĂ€llen wieder an.

Neue Initiativen

Einen deutlichen Schub bekam das Thema Wirbelwinde dann Ende des 20 Jahrhunderts mit der GrĂŒndung des Netzwerks TorDACH, das 1997 federfĂŒhrend von Nikolai Dotzek ins Leben gerufen wurde und Informationen ĂŒber Unwetterereignisse in Deutschland, Österreich und der Schweiz sammelte. Aus diesem Netzwerk erwuchs schließlich das europĂ€ische Unwetterlabor (European Severe Storms Laboratory, ESSL) als europĂ€isches Forschungszentrum fĂŒr Tornados. Das ESSL betreibt unter anderem die europĂ€ische Unwetterdatenbank ESWD (European Severe Weather Database), in der historische und aktuelle Unwettereignisse und Tornados dokumentiert werden.

Nikolai Dotzek war es auch, der im Jahr 2000 eine neue umfangreiche Klimatologie von Tornados in Deutschland veröffentlichte.
Parallel zu ESWD werden seit 1999 in der von Thomas SĂ€vert gegrĂŒndeten Tornadoliste neben den bestĂ€tigten FĂ€llen auch TornadoverdachtsfĂ€lle dokumentiert.

Anstieg der dokumentierten Zahlen ab etwa 2000 und die GrĂŒnde

Um die Jahrtausendwende machten die Tornadofallzahlen einen Sprung nach oben. Das lag aber nicht, wie man vermuten könnte, an einer tatsĂ€chlichen Zunahme der Tornados in Deutschland. Vielmehr haben mehrere Faktoren dazu beigetragen, dass aufgetretene FĂ€lle bekannter wurden. Da wĂ€re zum einen der Start des Internets im Jahr 1994, das 1998 Massentauglichkeit erlangte. 2001 startete zudem die Digitalfotografie. SpĂ€testens mit dem Start des Massenmarktes von Smartphones Ende der 2010er Jahre konnte quasi Jedermann Tornados fotografieren und filmen, und diese Aufnahmen im World Wide Web verteilen. Die aufkommenden sozialen Medien unterstĂŒtzten diese Entwicklung noch zusĂ€tzlich.


Im Bild zeigt die Entwicklung der Tornadozahlen vor 1900 und nachfolgend in 20-Jahres Schritten.




Im Bild zeigt die Entwicklung der Tornadozahlen von 1950 bis 2024, einmal als tornado stripes (oben) und zum anderen mit absoluten Fallzahlen unterteilt in schwach und starke Tornados sowie Wasserhosen.


Neue Projekte

Daneben wurde im Oktober 2003 Skywarn Deutschland gegrĂŒndet. Mitglieder sind unter anderen SturmjĂ€ger (Stormchaser), die Gewittern hinterherfahren und mit ihren Bildern Unwetterereignisse und auch Tornados dokumentieren und unter anderem auch an den Deutschen Wetterdienst weitergeben. Mittlerweile gibt es noch viele andere Chaserorganisationen, mit denen der DWD im Austausch steht (u.a. ThĂŒringer Stormchaser (TSC), Unwetterfreaks oder Team B.L).

Im April 2015 ging aus Skywarn die Tornado-Arbeitsgruppe Deutschland (TAD) hervor. Diese Gruppe aus Meteorologen, Forstwirten, Mathematikern und Laien arbeitet VerdachtsfÀlle auf und schaut welche VerdachtsfÀlle sich bestÀtigen lassen.

Ein weiteres interessantes Projekt ist TorKUD (Tornado Kartierungs- und Untersuchungsprojekt Deutschland), das 2020 federfĂŒhrend von Hendrik Sass ins Leben gerufen wurde. Dieses ehrenamtliche Projekt untersucht VerdachtsfĂ€lle, in dem sie Informationen aus der Öffentlichkeit und von Feuerwehren sammelt, Satellitenbilder anschaut und zum Teil auch selbst Vor-Ort Analysen mit Drohnen durchfĂŒhrt. Diese Initiative brachte eine enorme Bereicherung bei der Erfassung und Dokumentation von TornadofĂ€llen in Deutschland.

Entwicklungen im DWD

Auch innerhalb der DWD hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Nachdem das Thema viele Jahre von Andreas Friedrich als Tornadobeauftragten betreut wurde, grĂŒndete sich nach seiner Pensionierung die Tornado Expertengruppe, bestehend aus sieben interessierten Vorhersagemeteorologen. Dies Gruppe unterstĂŒtzt bei der Erfassung und Vorhersage von Tornados, steht in Kontakt mit Medien oder muss im Schadenfall auch Auskunft fĂŒr Versicherungen geben. Daneben wird aber auch Forschung betrieben. Neben diversen VortrĂ€gen auf Fachveranstaltungen, gibt es auch wissenschaftliche Veröffentlichungen. So wurde ganz frisch ein wissenschaftliches Paper zur Tornadostatistiken in Deutschland akzeptiert und demnĂ€chst in der Meteorologischen Zeitschrift veröffentlicht. Diese Veröffentlichung ist nach ĂŒber 25 Jahren ein Update der Arbeiten von Nikolai Dotzek aus dem Jahr 2000.


Zu sehen sind Grafiken aus der demnÀchst kommenden wissenschaftlichen Veröffentlichung zur Tornadostatistiken in Deutschland. Zu sehen sind die Entwicklung der Tornadozahlen seit 2000 (links) und eine Kartendarstellung aller in Deutschland erfassten Torna




Zu sehen ist das GrĂŒndungsbild der Tornado Expertengruppe des Deutschen Wetterdienstes.


Aktueller Stand

Die jĂŒngste Entwicklung stellt eine noch engere Kooperation der verschiedenen Experten auf einer Kommunikationsplattform im Internet dar. Dort arbeiten seit diesem Jahr Vertreter der TAD, ESWD, TorKUD und die Tornadoliste mit den Mitarbeitern der Tornado Expertengruppe des DWD zusammen. Ziel ist es, dass jeder immer aktuelle und gleiche Informationen hat. Dies macht die Erfassung und BestĂ€tigung von VerdachtsfĂ€llen deutlich einfacher und schneller. Dies geschieht unter anderem mit einer Checkliste mit objektiven Kriterien zur BestĂ€tigung. FĂŒr die Bewertung der StĂ€rke der Ereignisse wird dabei die vom ESSL entwickelte internationale Fujita Skala (IF) herangezogen (www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2024/4/11.html).

Man sieht, dass sich gerade in den letzten 25 Jahren sehr viel getan hat auf dem Gebiet der Tornadoforschung und -dokumentation in Deutschland. Wenn Sie selbst einmal einen Tornadoverdachtsfall haben, erreiche Sie die Expertengruppe des DWD unter tornado@dwd.de.



© Deutscher Wetterdienst

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