22:58 MESZ | 30.08.2025 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Facebook Twitter
Drucken
22. Juni 2017 | Dipl.-Met. Thomas Ruppert

"Warme" und "kalte" Gletscher

"Warme" und "kalte" Gletscher

Datum 22.06.2017

Gletscher existieren in allen geografischen Zonen der Erde. Man unterscheidet die "kalten und trockenen" Gletscher der Polargebiete von den "warmen oder temperierten" Formen in den mittleren und niederen Breiten. In jedem Falle spielen Gletscher eine wichtige Rolle im Klimasystem der Erde.

Gletscher sind aus gefallenem Schnee hervorgegangene Eismassen, die sich talwärts bewegen, bis sie (im "Zehrgebiet") durch Zerbrechen, Schmelzen und Verdunsten des Eises abgebaut werden. Sie entstehen in den Polarländern sowie in den Hochgebirgen jenseits der Schneegrenze, und zwar dort, wo im Jahresmittel mehr Schnee fällt, als abtauen oder verdunsten kann ("Nährgebiet"). So kommt es im Laufe der Zeit zur "Akkumulation" (Ansammlung) des Schnees und zur "Metamorphose" (Umwandlung) in Gletschereis. Dabei verwandeln sich die Schneekristalle zu größeren, einheitlichen Eiskristallen mit unregelmäßigen Oberflächen, die "Gletscherkörner" genannt werden, gelenkartig ineinander greifen und so Bewegungen des Gletschers ermöglichen.


Zum Vergrößern bitte klicken
Zum Vergrößern bitte klicken


Frisch gefallener Neuschnee bildet zunächst eine Schicht aus Schneekristallen und mit Luft gefüllten Hohlräumen (Dichte ca. 30 bis 60 kg/m³, Luftgehalt ca. 90 %). Daraus entsteht nach etwa einem Jahr eine Altschneedecke mit ersten Gletscherkornbildungen und einer Dichte von ca. 200 bis 500 kg/m³. Durch den Druck ihrer eigenen Masse, ggf. durch Schmelzen und erneutes Gefrieren ("Regelation") verdichtet sich nach mehreren Jahren die Schneedecke immer mehr und es entstehen Firn (Luftgehalt ca. 60 %) bzw. Firneis (Dichte über 400 kg/m³, Luftgehalt ca. 30 %). Die Bildung von Gletschereis geht mit einer starken Kompression des Materials einher, stellenweise kann durchaus die Dichte massiven Eises (ca. 900 kg/m³ bei nur wenigen luftgefüllten Poren) erreicht werden.

Die Metamorphose des Schnees zu Gletschereis hängt stark von den herrschenden klimatischen Bedingungen ab. Man unterscheidet sogenannte "warme oder temperierte" Gletscher, wie beispielsweise diejenigen in den Alpen, von den "kalten und trockenen" Gletschern, wie sie beispielsweise in der Arktis und Antarktis anzutreffen sind. Aufgrund des hohen Reflexionsvermögens kurzwelliger Sonnenstrahlung und der großen spezifischen Wärmekapazität bei geringer Wärmeleitfähigkeit des Eises gelten Gletscher als thermisch träge. Je nach Größe und Gestalt, können Gletscher sowohl das lokale als auch das weltweite Klima beeinflussen. Unversehrte Gletscheroberflächen reflektieren bis zu 90 % des einfallenden Sonnenlichtes, das dann nicht mehr zur Erwärmung beitragen kann, und emittieren andererseits sehr stark im langwelligen Strahlungsbereich (hoher Wärmeverlust). Sie bilden also prinzipiell eine Quelle stetiger Abkühlung, man spricht auch von einer "Wärmesenke" im irdischen Klimasystem.

In den warmen Gletschern der Tropen (z.B. Kilimandscharo), Subtropen (z.B. Himalaya) und mittleren Breiten (u.a. Alpen) liegt die Temperatur des Eises nicht weit unter dem Gefrierpunkt, bei ihnen hat sich der Schnee in wenigen Jahren zu Gletschereis transformiert. Sie reagieren empfindlicher als kalte Gletscher auf Masse- bzw. Druckverlagerungen sowie auf Temperatur- bzw. Klimaänderungen. Ab einer Mächtigkeit von etwa 30 m fangen temperierte Gletscher an, sich vermöge der Anomalie des Wassers (Erniedrigung des Schmelzpunktes des Eises durch Druckerhöhung) unter dem Einfluss der Schwerkraft "zu bewegen", man sagt dann, die Gletscher "fließen". Beispielsweise übt ein 30 m mächtiger Gletscher einen Druck von knapp 265000 Pascal (Einheitenzeichen Pa, 1 Pa = 1 N/m², Newton pro Quadratmeter) auf das darunterliegende "Gletscherbett" aus.

Bei den kalten und trockenen Gletschern der Polargebiete wird die Eisbildung aufgrund der dort herrschenden, tiefen Temperaturen nicht durch Schmelzprozesse unterstützt, sie bleiben ganzjährig durchweg gefroren. Beispielsweise liegt die Temperatur im Inneren des grönländischen Inlandeises (Stichwort "Deckgletscher") etwa zwischen -13 °C und -25 °C, in diesem Temperaturbereich spielt die anomale Druckschmelzpunkterniedrigung keine Rolle mehr. Die Umwandlung von Schnee in Eis muss auf "rein mechanischem Wege" erfolgen und dauert im Falle des grönländischen Inlandeises bis zu 200 Jahre. Kalte Gletscher bewegen sich kaum, sind häufig am Untergrund angefroren und reagieren nur träge auf Temperatur- bzw. Klimaänderungen.



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

30.08. - Fliegende Instrumente

29.08. - Eine Reise in die Great Plains

28.08. - Tropisch oder nicht, das ist hier die Frage! - Teil 2

27.08. - Erst sommerlich, dann regnerisch

26.08. - Tropisch oder nicht, das ist hier die Frage! - Teil 1

25.08. - Der Landgang eines Tropensturms

24.08. - Ein letztes Aufbäumen des Hochsommers

23.08. - Hoch "Mareike" sorgt für ruhiges Wetter

22.08. - Die Gänseblümchenwelt - Teil 2

21.08. - Der Gänseblümchenplanet - Teil 1

20.08. - Akklimatisierung - der Schlüssel beim Höhenbergsteigen

19.08. - Das Ende der Hundstage

18.08. - Hurrikan ERIN und dessen Einfluss auf das Wettergeschehen in Europa

17.08. - Hurrikan ERIN wirbelt über dem Atlantik

16.08. - Auswirkungen eines Blitzeinschlags in ein Fahrzeug

15.08. - Markanter Luftmassenwechsel beendet die Hitzewelle

14.08. - Von Schwämmen und Städten

13.08. - Sommerlich, heiß, sehr heiß? - "Kenntage" des Sommers 2025

12.08. - Perseiden 2025 – Sternschnuppen am Firmament

11.08. - Wolkenimpfung zur Hagelabwehr - Methode und Nutzen

10.08. - TEAMx: Groß angelegtes Forschungsprojekt in den Alpen

09.08. - Der Sommer mit Hindernissen nimmt zur neuen Woche richtig Fahrt auf!

08.08. - Die atlantische Hurrikansaison 2025: Prognosen und Ist-Zustand

07.08. - Von Blitzen und Megablitzen

06.08. - Tornados - Faszinierende Naturgewalt mit zerstörerischer Kraft

05.08. - Nach NING kommt INES und bringt den Sommer zurück

04.08. - Das Jahr ohne Sommer

03.08. - Extremes Wetter in Teilen Europas

02.08. - Deutschlandwetter im Juli 2025

01.08. - Regen ohne Ende? – FLORIS bringt die Wende