Über das Stormchasing als eines der etwas ausgefalleneren Hobbies wurde bereits in der Vergangenheit schon berichtet. Bei vielen Kollegen, die in der Vorhersagezentrale des Deutschen Wetterdienstes arbeiten, gibt es sowieso eine nur recht verschwommen wahrnehmbare Grenze zwischen Beruf und Hobby/Freizeit. Wetter findet halt rund um die Uhr statt.
Einige Genossen der Meteorologenzunft machen dabei gerne ihre scherzhaft gemeinten Bemerkungen, dass man so eine Reise in die USA zwecks Stormchasing doch als Fortbildungsveranstaltung deklarieren möge und nicht als Erholungsurlaub. Dabei hat so ein Trip tatsächlich nur wenig mit Erholung zu tun.
3 Wochen — 12 000 km
Zunächst einmal braucht man dafür nämlich jede Menge Sitzfleisch. Und man muss Autofahren mögen. Denn für erfolgreiches Betrachten schöner Superzellstrukturen oder gar Tornados muss man jede Menge Strecke zurücklegen. Immerhin gilt es ein Gebiet von Colorado und Nebraska bis nach Süd-Texas abzudecken. Das sind im Flächenvergleich mehrere Deutschlands (oder Deutschländer? Der Duden schweigt hierzu…). Da kommen schnell ein paar tausende Kilometer zusammen. Summa summarum waren es in diesem Fall etwas über 12 000, während des dreiwöchigen Aufenthalts im Schnitt also etwa 4 000 pro Woche.
Nebraska Sandhills, 02.06.25
Da an den Tagen vor- und nachher nicht allzu viel los war, entschied sich die Reisegruppe für einen Ausflug gen Norden bis in den Bundesstaat Nebraska. 1000 km später fand man sich in den sogenannten Sandhills wieder. Dabei handelt es sich um ein sehr dünn besiedeltes Gebiet zusammenhängender Sanddünen. Landschaftlich äußerst pittoresk, aber für das Chasen nur bedingt geeignet, weil man nicht mehr so weit in die Landschaft schauen kann. In dem Falle aber egal. Ein geeigneter Aussichtspunkt wurde gefunden. Dort formte sich anschließend eine veritable Gewitterlinie aus, die natürlich in allen Formen und Farben abgelichtet wurde.
Morton, Texas, 05.06.25
Wenige Tage später ist man wieder in zurück in Texas. Nachdem der Vortag mit eher mäßigen Lagen rumgebracht wurde, sollte es an diesem Tag wieder zur Sache gehen. Am Ende stand eine monströse Superzelle, die sämtliche Erwartungen übertroffen hatte. Quasi nahezu mit Eintreffen vor Ort bildete sich ein riesiger sogenannter Wedge-Tornado aus. „Wedge” bedeutet hier, dass der sichtbare Teil des Tornados breiter als hoch ist. Dazu zog die Zelle genau parallel zu dem Highway, auf dem man sich positioniert hatte. So ließ sich das „Gerät” perfekt ablichten – wären da nicht der ganze Staub und Dreck von den Feldern gewesen, den es einem um die Ohren pfiff und der die Sicht deutlich einschränkte. Eine harte Belastungsprobe auch für das fotografische Equipment. Später ging es in Richtung der nahegelegenen Großstadt Lubbock, da die Zelle genau auf die Stadt zuzog. Dementsprechend wurde dort auch vor einem Tornado gewarnt, woraufhin eine Fluchtbewegung der Bevölkerung einsetzte. Glücklicherweise löste sich der Tornado noch in den ersten Vororten auf, sodass größere Schäden ausblieben.
Texline, Staatsgrenze Texas/Oklahoma, 08.06.2025
Wenn man denkt, dass man jetzt aber wirklich alles gesehen hat… wird man von Mutter Natur natürlich eines Besseren belehrt. Der 08.06. sollte der Sechser mit Superzahl im Stormchaser-Lotto werden. Könnte einem das nur mal jemand vorher verraten… Mittlerweile spielte die Musik im sogenannten „Oklahoma Panhandle”. So heißt der schmale Streifen des Staatsgebietes von Oklahoma, der weit nach Westen reicht und auf der Karte eben aussieht wie ein Pfannenstiel. Bereits in den Vormittagsstunden hatten sich entlang einer Konvergenzlinie im Osten des Panhandles zahlreiche Gewitter gebildet, die das Interesse der Chaser-Community (von manchen auch spaßeshalber „Die Horde” genannt) auf sich zog. Unsere Gruppe aber hatte andere Pläne. Denn die synoptischen Parameter zeigten vielversprechendes für den Westen des Panhandles. Das wurde auch durch die Vorhersagen und Diskussionen des Storm Prediction Centers bestätigt, deren Produkte man natürlich trotzdem auch immer mit zu Rate zieht. Die dortigen Kollegen und Kolleginnen haben einfach einen riesigen Erfahrungsschatz bei der Gewitter- und Tornadovorhersage. Zwar war die Wahrscheinlichkeit für die Gewitterbildung nicht so hoch, wie im Osten des Pfannenstiels. Aber wenn sich eine Zelle bilden würde, dann… ja dann…
Tatsächlich war es wenig später auch soweit und die ersten Radarsignale zeigten vielversprechende Signale. Also aufs Gaspedal gedrückt (10 mph über Tempolimit sind dort übrigens völlig normal) und hin da! Knapp huschten wir noch am Hagelkern einer mittlerweile ausgewachsenen Superzelle vorbei, um anschließend von Süden her direkt in den rotierenden Aufwindturm schauen zu können. Was dann passierte, davon kündigen die nachfolgenden Bilder. Der große Clou: Außer unserer Truppe war quasi kein anderer Stormchaser zugegen. Die Straße von und zu der Zelle war fast völlig verwaist. Der Beweis, die Silbernadel im großen Gewitterheuhaufen gefunden zu haben.




Meteorologe M.Sc. Felix Dietzsch