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29. August 2025 |

Eine Reise in die Great Plains

Eine Reise in die Great Plains

Datum 29.08.2025

FĂŒr unseren Kollegen ging es in diesem Jahr mal wieder zum Gewitter betrachten und Tornado haschen in die Vereinigten Staaten. Heute gibt es davon das „Best Of”.

Über das Stormchasing als eines der etwas ausgefalleneren Hobbies wurde bereits in der Vergangenheit schon berichtet. Bei vielen Kollegen, die in der Vorhersagezentrale des Deutschen Wetterdienstes arbeiten, gibt es sowieso eine nur recht verschwommen wahrnehmbare Grenze zwischen Beruf und Hobby/Freizeit. Wetter findet halt rund um die Uhr statt.
Einige Genossen der Meteorologenzunft machen dabei gerne ihre scherzhaft gemeinten Bemerkungen, dass man so eine Reise in die USA zwecks Stormchasing doch als Fortbildungsveranstaltung deklarieren möge und nicht als Erholungsurlaub. Dabei hat so ein Trip tatsÀchlich nur wenig mit Erholung zu tun.

3 Wochen — 12 000 km

ZunĂ€chst einmal braucht man dafĂŒr nĂ€mlich jede Menge Sitzfleisch. Und man muss Autofahren mögen. Denn fĂŒr erfolgreiches Betrachten schöner Superzellstrukturen oder gar Tornados muss man jede Menge Strecke zurĂŒcklegen. Immerhin gilt es ein Gebiet von Colorado und Nebraska bis nach SĂŒd-Texas abzudecken. Das sind im FlĂ€chenvergleich mehrere Deutschlands (oder DeutschlĂ€nder? Der Duden schweigt hierzu
). Da kommen schnell ein paar tausende Kilometer zusammen. Summa summarum waren es in diesem Fall etwas ĂŒber 12 000, wĂ€hrend des dreiwöchigen Aufenthalts im Schnitt also etwa 4 000 pro Woche.

Nebraska Sandhills, 02.06.25

Da an den Tagen vor- und nachher nicht allzu viel los war, entschied sich die Reisegruppe fĂŒr einen Ausflug gen Norden bis in den Bundesstaat Nebraska. 1000 km spĂ€ter fand man sich in den sogenannten Sandhills wieder. Dabei handelt es sich um ein sehr dĂŒnn besiedeltes Gebiet zusammenhĂ€ngender SanddĂŒnen. Landschaftlich Ă€ußerst pittoresk, aber fĂŒr das Chasen nur bedingt geeignet, weil man nicht mehr so weit in die Landschaft schauen kann. In dem Falle aber egal. Ein geeigneter Aussichtspunkt wurde gefunden. Dort formte sich anschließend eine veritable Gewitterlinie aus, die natĂŒrlich in allen Formen und Farben abgelichtet wurde.

Gewitter ĂŒber den Nebraska Sandhills mit Blitzeinschlag, 02.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch



Morton, Texas, 05.06.25

Wenige Tage spĂ€ter ist man wieder in zurĂŒck in Texas. Nachdem der Vortag mit eher mĂ€ĂŸigen Lagen rumgebracht wurde, sollte es an diesem Tag wieder zur Sache gehen. Am Ende stand eine monströse Superzelle, die sĂ€mtliche Erwartungen ĂŒbertroffen hatte. Quasi nahezu mit Eintreffen vor Ort bildete sich ein riesiger sogenannter Wedge-Tornado aus. „Wedge” bedeutet hier, dass der sichtbare Teil des Tornados breiter als hoch ist. Dazu zog die Zelle genau parallel zu dem Highway, auf dem man sich positioniert hatte. So ließ sich das „GerĂ€t” perfekt ablichten – wĂ€ren da nicht der ganze Staub und Dreck von den Feldern gewesen, den es einem um die Ohren pfiff und der die Sicht deutlich einschrĂ€nkte. Eine harte Belastungsprobe auch fĂŒr das fotografische Equipment. SpĂ€ter ging es in Richtung der nahegelegenen Großstadt Lubbock, da die Zelle genau auf die Stadt zuzog. Dementsprechend wurde dort auch vor einem Tornado gewarnt, woraufhin eine Fluchtbewegung der Bevölkerung einsetzte. GlĂŒcklicherweise löste sich der Tornado noch in den ersten Vororten auf, sodass grĂ¶ĂŸere SchĂ€den ausblieben.

Wedge-Tornado bei Morton, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch




Die Superzelle zu einem spÀteren Zeitpunkt nahe Lubbock, TX, 05.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch



Texline, Staatsgrenze Texas/Oklahoma, 08.06.2025

Wenn man denkt, dass man jetzt aber wirklich alles gesehen hat
 wird man von Mutter Natur natĂŒrlich eines Besseren belehrt. Der 08.06. sollte der Sechser mit Superzahl im Stormchaser-Lotto werden. Könnte einem das nur mal jemand vorher verraten
 Mittlerweile spielte die Musik im sogenannten „Oklahoma Panhandle”. So heißt der schmale Streifen des Staatsgebietes von Oklahoma, der weit nach Westen reicht und auf der Karte eben aussieht wie ein Pfannenstiel. Bereits in den Vormittagsstunden hatten sich entlang einer Konvergenzlinie im Osten des Panhandles zahlreiche Gewitter gebildet, die das Interesse der Chaser-Community (von manchen auch spaßeshalber „Die Horde” genannt) auf sich zog. Unsere Gruppe aber hatte andere PlĂ€ne. Denn die synoptischen Parameter zeigten vielversprechendes fĂŒr den Westen des Panhandles. Das wurde auch durch die Vorhersagen und Diskussionen des Storm Prediction Centers bestĂ€tigt, deren Produkte man natĂŒrlich trotzdem auch immer mit zu Rate zieht. Die dortigen Kollegen und Kolleginnen haben einfach einen riesigen Erfahrungsschatz bei der Gewitter- und Tornadovorhersage. Zwar war die Wahrscheinlichkeit fĂŒr die Gewitterbildung nicht so hoch, wie im Osten des Pfannenstiels. Aber wenn sich eine Zelle bilden wĂŒrde, dann
 ja dann

TatsĂ€chlich war es wenig spĂ€ter auch soweit und die ersten Radarsignale zeigten vielversprechende Signale. Also aufs Gaspedal gedrĂŒckt (10 mph ĂŒber Tempolimit sind dort ĂŒbrigens völlig normal) und hin da! Knapp huschten wir noch am Hagelkern einer mittlerweile ausgewachsenen Superzelle vorbei, um anschließend von SĂŒden her direkt in den rotierenden Aufwindturm schauen zu können. Was dann passierte, davon kĂŒndigen die nachfolgenden Bilder. Der große Clou: Außer unserer Truppe war quasi kein anderer Stormchaser zugegen. Die Straße von und zu der Zelle war fast völlig verwaist. Der Beweis, die Silbernadel im großen Gewitterheuhaufen gefunden zu haben.

Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch




Freistehender Tornado an einer Superzelle nahe Texline, Grenze OK/TX, 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch




In Auflösung begriffener Tornado (sog. „Rope out”), 08.06.2025. Quelle: Felix Dietzsch



Meteorologe M.Sc. Felix Dietzsch

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.08.2025
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