22:51 MESZ | 05.08.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
19. November 2025 | Dipl.-Met. Tobias Reinartz

Wenn es so kräftig regnet, dass es schneit: Die Niederschlagsabkühlung!

Wenn es so kräftig regnet, dass es schneit: Die Niederschlagsabkühlung!

Datum 19.11.2025

Sie finden, der Titel macht keinen Sinn? Auf den ersten Blick mag das durchaus so scheinen. Doch der Schein trügt. Im heutigen Thema des Tages gehen wir der Sache auf den Grund.

Tief TALAT, das am heutigen Mittwoch von den Niederlanden zur Ostsee zieht, sorgt aktuell für nasskaltes beziehungsweise frühwinterliches Wetter in einigen Teilen unseres Landes. Während es in der vorherrschenden Polarluft über der Mitte oberhalb von etwa 200 bis 400 m schneit, fällt der Niederschlag im Norden überall noch als Regen. Überall? Nein! Im Norden von Schleswig-Holstein ist der Regen im Laufe des heutigen Vormittags in Schnee übergegangen. Dabei ist die vorherrschende Luftmasse dort kaum kälter als ansonsten im Norden. Was ist da denn bitte los?

Schauen wir uns doch mal den vertikalen Temperaturverlauf im Norden von Schleswig-Holstein von heute früh 5 Uhr an. Das entspricht ungefähr dem Zeitpunkt, an dem es angefangen hat, zu regnen. Genauer genommen handelt es sich dabei um einen Modellaufstieg (von einem Wettermodell berechneter Radiosondenaufstieg). Ganz kurz zur Erklärung: Das Diagramm zeigt den vertikalen Verlauf der Temperatur (durchgezogene schwarze Linie) und des Taupunkts (strichlierte schwarze Linie; Maß für die Luftfeuchtigkeit). Auf der unteren, horizontalen Diagrammachse ist die Temperatur in Grad Celsius aufgeführt und auf der linken, vertikalen Achse der Luftdruck in hPa (mit der Höhe abnehmend). Die Temperatur bleibt entlang der roten, von unten nach rechts oben verlaufenden Linien konstant. Mehr dazu finden Sie zum Beispiel im Thema des Tages vom 03.07.2020 .


Modellaufstieg im Norden Schleswig-Holsteins für den 19.11.2025, 5 Uhr (MEZ). (Quelle:DWD)


Man sieht, dass die Temperatur in Bodennähe bei knapp 5 Grad liegt, mit der Höhe kontinuierlich abnimmt und im Druckniveau von etwa 925 hPa (entspricht in diesem Fall ungefähr 650 m Höhe) die Null-Grad-Marke erreicht. Außerdem fällt auf, dass Taupunkt- und Temperaturkurve recht nah beieinander liegen, die Luft ist also relativ feucht. Trockene Schichten, in denen der Niederschlag komplett verdunsten und somit nicht am Boden ankommen würde, sind also nicht vorhanden. Da der Schnee nicht direkt mit Überschreiten der Null-Grad-Marke schmilzt, sondern noch etwas weiter in den positiven Bereich fällt, liegt die Schneefallgrenze in diesem Fall bei grob 400 m. Schnee am Boden ist also kein Thema.


Radarbild und Temperatur in 2 m Höhe am 19.11.2025, 5 Uhr. (Quelle:DWD)


Wenige Stunden später, um 10 Uhr, sieht die Lage deutlich anders aus. Vor allem unterhalb von etwa 925 hPa hat sich die Luft deutlich abgekühlt. Ihre Temperaturkurve verläuft zwischen 950 hPa (etwa 500 m Höhe) und dem Boden entlang der 0-Grad-Isotherme. Die Schichtung dort ist also isotherm, das heißt die Temperatur ändert sich nicht mit der Höhe, sondern bleibt nahezu konstant. Der fallende Schnee hat nun keine Möglichkeit mehr, zu schmelzen und kommt in der Folge am Boden an - es schneit!


Modellaufstieg im Norden Schleswig-Holsteins für den 19.11.2025, 10 Uhr (MEZ).


Sankt Peter-Ording meldete um 10 Uhr als erste Station im dortigen Niederschlagsgebiet 0 Grad. Um 11 Uhr folgten auch im Binnenland einige Stationen diesem Beispiel.


Radarbild und Temperatur in 2 m Höhe am 19.11.2025, 11 Uhr. (Quelle:DWD)


Durch die für diese Luftmasse durchaus ordentlichen Niederschlagsraten von bis zu 4 mm pro Stunde konnte einerseits kalte Luft aus etwas höheren Luftschichten zum Boden heruntergemischt werden. Andererseits wurde der Luft durch Verdunstungsprozesse zusätzlich etwas Energie entzogen. Das mündete letztlich im angesprochenen Rückgang der Temperatur und dem Arbeitsauftrag für Frau Holle.



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

05.08. - Noch ganz stabil? Atmosphärische Instabilitäten, Turbulenz und Klimawandel

04.08. - Wetter, Waldbrand, Wasserdurst

03.08. - Aktuelle Schwierigkeiten bei der Gewittervorhersage

02.08. - Deutschlandwetter im Juli 2026

01.08. - Geschichte der Meteorologie − Teil 12: Meteorologie um 1800 und zu Beginn des 19. Jahrhunderts

31.07. - Zwischenbilanz der Tornadosaison 2026

30.07. - Was ist eine Fallböe?

29.07. - Erst große Hitze, dann schwere Gewitter?

28.07. - Vegetationsbrände, Wetterextreme und globale Erwärmung

27.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 11: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (b) und um 1800

26.07. - Tag der Seenotrettung

25.07. - Gebietsweise anhaltende Trockenheit und neue Hitze

24.07. - Von Hunden und Erfrischungen

23.07. - Kühle Meeresbrise oder die „Land-Seewind-Zirkulation“

22.07. - Nordströmung hält die Hitze auf Abstand

21.07. - Zwischen Physik und Künstlicher Intelligenz – Wie KI die Wettervorhersage verändert

20.07. - Spanien - Olé

19.07. - Deutliches Nordost-Südwestgefälle bei der Temperatur

18.07. - Von Trockenheit und rekordniedrigen Wasserständen

17.07. - Warum ziehen die Gewitter immer an mir vorbei?

16.07. - Kleines Höhentief, große Wirkung – eine Gewitternachlese

15.07. - Vom Scheren und schweren Gewittern

14.07. - Vom Höhenei bis hin zu schweren Gewittern

13.07. - Wie lange hält die hochsommerliche Hitze an?

12.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 10: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (a)

11.07. - Supertaifun BAVI

10.07. - Trockenheit im Südwesten Deutschlands

09.07. - Neue Hitze im Südwesten

08.07. - Sommersturm an der Ostsee

07.07. - Zwischen Sommerhoch und Tiefdruckeinfluss – Deutschland bleibt von der großen Hitze verschont