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22. Mai 2026 | M.Sc.-Meteorologe Sebastian Schappert

Hoch "Zeno" sorgt für niedrigen Meeresspiegel?!

Hoch "Zeno" sorgt für niedrigen Meeresspiegel?!

Datum 22.05.2026

Beeinflusst der Luftdruck den Meeresspiegel? Sorgt hoher Luftdruck wirklich für einen niedrigeren Wasserstand?

Derzeit verlagert Hoch "Zeno" seinen Schwerpunkt nach Mitteleuropa. Dabei kann im Zentrum der Luftdruck auf über 1030 Hektopascal (kurz: hPa) ansteigen, was für die Jahreszeit nicht alltäglich ist. Aber was bedeutet diese Angabe in Hektopascal eigentlich?

Luft besitzt ein Gewicht, auch wenn wir uns dessen in unserem täglichen Leben nicht allzu häufig bewusst sind. Vielleicht ist der einen oder dem anderen bei einer Bergtour schon aufgefallen, dass die Luft mit zunehmender Höhe "dünn" wird. Damit ist der mit der Höhe abnehmende Luftdruck gemeint. Die Luftmoleküle liegen dann etwas weiter auseinander. Und obwohl sich der prozentuale Anteil an Sauerstoff in der Luft nicht ändert, nehmen wir mit jedem Atemzug weniger Sauerstoff auf als im Flachland. Entsprechend bekommt man das Gefühl, das Atmen auf dem Berg fällt schwerer.


DWD-Vorhersagekarte für den Bodendruck und die Luftmassengrenzen im Bereich von Europa und dem Nordostatlantik für Freitag, den 22. Mai 2026, 12 UTC auf Basis des ICON-Modelllaufs vom 21. Mai 2026, 00 UTC.


Die Luft der Erdatmosphäre besitzt also eine eigene Masse. Insgesamt wiegt sie rund 5 Trillionen Kilogramm, ausgeschrieben also eine 5 mit 18 Nullen. Über jedem Quadratmeter der Erde befinden sich umgerechnet etwas mehr als 10000 kg bzw. 10 Tonnen Luft, die dort Druck ausüben. Ganz schön viel, oder? Damit wir dabei nicht kollabieren und weiter atmen können, sind unsere Körper an diesen Druck angepasst. Wir empfinden ihn als "normal".

Druck beschreibt eine Kraft pro Fläche. Diese kann in der Einheit "Bar" oder "Hektopascal" angegeben werden. Der Luftdruck der Atmosphäre ist dabei nichts anderes als die Kraft, die durch die Gewichtskraft der Luftsäule und die Bewegung der Luftmoleküle auf eine Fläche wirkt. Dieser beträgt bei Standardbedingungen (15 °C Lufttemperatur am Boden und trockenen Verhältnissen) auf Meereshöhe 1013,25 hPa oder 1013,25 Millibar. Das entspricht dem Druck einer Wassersäule von etwas mehr als 10 Metern Höhe.

Auch der Meeresspiegel reagiert auf Veränderungen des Luftdrucks. Diese Änderungen bezeichnet man als "invers-barometrischen Effekt". Invers wird er genannt, weil höherer Luftdruck die Wasseroberfläche nach unten drückt. Herrscht dagegen niedriger Luftdruck, lastet weniger Gewicht auf dem Wasser, sodass sich der Meeresspiegel quasi anhebt.


Vorhersage der Bodendruckverteilung für Freitag, den 22. Mai 2026, 12 UTC auf Basis des ICON-Modelllaufs vom 22. Mai 2026, 06 UTC.


Ein Blick auf die heutige Bodendruckverteilung zeigt über Mitteleuropa sowie im Bereich der Nord- und Ostsee hohen Luftdruck mit Werten über 1028 hPa (in Abbildung 2 orange dargestellt), der auf den Meeresspiegel drückt. Auf dem Nordatlantik liegt hingegen ein Tief mit einem Kerndruck unter 988 hPa (in Abbildung 2 blau gekennzeichnet), der Druck fällt dort geringer aus. Dabei ergibt sich ein Unterschied von etwa 40 hPa, was dem Druck einer Wassersäule von 40 Zentimetern entspricht. Als grobe Faustregel kann man sagen, dass 1 hPa die Wassersäule um 1 Zentimeter verändert.

In der Realität wird der Effekt meist nur in tieferen, offenen Meeren deutlich messbar, wo das Wasser frei ausweichen kann. In flachen Nebenmeeren oder Buchten werden die Pegelschwankungen jedoch häufig von anderen Faktoren wie Wellen, Gezeiten und der Wirkung des Windes überlagert, weshalb der Effekt dort nur bedingt zu beobachten ist.

In der Ostsee drücken Stürme mit westlichen Winden das Wasser nach Osten, wodurch es im Finnischen Meerbusen zu Hochwasser und an der deutschen Ostseeküste zu Niedrigwasser kommt, obwohl das Zentrum des Tiefs beispielsweise über Dänemark liegt.


Webcambilder vom Timmendorfer Strand am 07., 08. und 09. Dezember 2024 jeweils gegen 12 Uhr. Quelle: Webcam Maritim Hotel


Die Kombination aus tiefem Luftdruck und länger anhaltenden, auf die Küste gerichteten Winden kann durchaus gefährliche Auswirkungen haben. Im Jahr 2024 sorgte eine anhaltende Nordostlage bei tiefem Luftdruck für Hochwasser an der deutschen Ostseeküste, da das Ostseewasser großflächig nach Südwesten gedrückt wurde. Anfang 2026 führte anhaltender Ostwind sogar zu historischem Niedrigwasser im Norden und Osten der Ostsee (siehe Thema des Tages vom 14.02.2026) . Im Februar 2026 kam es in der Adria von Italien bis Montenegro durch die Kombination aus tiefem Luftdruck und anhaltendem Wind zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels. Dabei wurden die höchsten Wasserstände seit Beginn der instrumentellen Pegelmessungen verzeichnet. In mehreren Küstenorten kam es zu Überflutungen, da das Wasser ins Landesinnere gedrückt wurde.

Hier zeigt sich also, wie eng Atmosphäre und Ozean miteinander gekoppelt sind. Schon vergleichsweise kleine Druckunterschiede können den Meeresspiegel spürbar verändern. Kommen dann noch weitere Faktoren wie Wind und regionale Gegebenheiten hinzu, verstärken sich diese Effekte schnell. Aus wenigen Hektopascal werden an der Küste mitunter Zentimeter, die darüber entscheiden, ob Wasser bleibt, wo es ist, oder ob es neue Wege ins Landesinnere findet.



© Deutscher Wetterdienst

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