âIn 16000 m Höheâ, so titelte das Berliner Tageblatt am 29. August 1930 seinen Artikel ĂŒber den geplanten Ballonaufstieg von Auguste Picard und Paul Kipfer. Der in Basel geborene Piccard forschte und lehrte seit 1922 an der UniversitĂ© libre de Bruxelles (der Freien UniversitĂ€t BrĂŒssel), und entwickelte in seiner wissenschaftlichen Laufbahn ein Interesse an den damals weitgehend unerforschten höheren Schichten der AtmosphĂ€re. Hauptziel der Ballon-Expedition war die Vermessung kosmischer Höhenstrahlung, um RĂŒckschlĂŒsse auf deren Herkunft ziehen zu können. Die Planung dieser Experimente wurde mitunter mit Albert Einstein koordiniert, dessen Bekanntschaft Piccard auf den renommierten Solvay-Konferenzen machte. Ebenfalls sollten atmosphĂ€rische Parameter wie Luftdruck und Temperatur vermessen werden.
Luftdruck und Temperatur waren auch die zwei maĂgeblichen zu beachtenden Parameter in der Planung der Ballonfahrt. FĂŒr einen bemannten Aufstieg in angepeilte Höhen um 16 km musste eine Druckkapsel mit Sauerstoffzufuhr gebaut werden, da der AtmosphĂ€rendruck in solchen Höhen nur noch etwa ein Zehntel des Luftdrucks auf Meereshöhe betrĂ€gt. Dadurch sinkt der Sauerstoffpartialdruck so stark ab, dass ohne technische UnterstĂŒtzung eine ausreichende Sauerstoffaufnahme ĂŒber die Lunge nicht mehr möglich ist. ZusĂ€tzlich treten vielfĂ€ltige weitere physiologische Effekte des niedrigen Umgebungsdrucks auf. Die Kapsel musste den Ballonfahrern zudem das Regulieren der Temperatur ermöglichen, da die Temperatur in der TroposphĂ€re und somit ĂŒber mehr als 12 km auf weniger als -60 °C abnimmt.
Die Tropopausenhöhe weist eine signifikante geographische, saisonale, und höhenströmungsabhÀngige VariabilitÀt auf, die obige AbschÀtzung beruht deshalb auf:
1.) dem 48sten Breitengrad, auf dem sich Augsburg als gewÀhlter Startpunkt von Piccards Ballonfahrt befindet
2.) dem 27. Mai und damit dem heutigen Tag vor 95 Jahren als saisonale Einordnung
3.) der Tatsache dass stabile Hochdrucklagen auch damals als bessere Ballonfahrtbedingungen angesehen wurden als beispielsweise einem Sturmtief
In dem Temperaturprofil aus dem deutschen hochaufgelösten ICON-D2 Modell fĂŒr die dieser Tage in Deutschland herrschende stabile Hochdrucklage veranschaulicht â die Linien gleicher Temperatur sind die abgebildeten Diagonalen â wie die Temperatur heute frĂŒh ĂŒber Augsburg bis zur Tropopause auf unter -60 °C fĂ€llt, bevor sie dann in der sehr stabil geschichteten StratosphĂ€re allmĂ€hlich wieder zunimmt. Die niedrigen Temperaturen in diesen Höhen ergeben sich unter anderem daraus, dass bei der geringen Luftdichte kaum WĂ€rme gespeichert oder durch Konvektion transportiert wird. Gleichzeitig ist die solare Einstrahlung aufgrund der geringen atmosphĂ€rischen AbschwĂ€chung durch Absorption und Streuung vergleichsweise intensiv. Die Aluminiumkapsel stellte dabei einen effizienten Absorber fĂŒr Strahlungsenergie dar. Deshalb wurde eine Seite der Kapsel schwarz und die andere weiĂ lackiert, sodass sich die Temperatur durch das Ausrichten relativ zur Sonne gezielt regulieren lieĂ.
Der Bau der Kapsel gestaltete sich mitunter auch dahingehend als spannend und ungewiss, da kein klassischer Luftfahrtbetrieb oder ein vergleichbares Unternehmen die Verantwortung fĂŒr die ZuverlĂ€ssigkeit einer solchen Konstruktion ĂŒbernehmen wollte. Schlussendlich wurde der Bau der Aluminiumkapsel, zwei Meter im Durchmesser und mit zwei Bullaugen, von einem belgischen Metallbearbeitungsbetrieb ĂŒbernommen, dessen dahingehende Expertise wohl in erster Linie aus der Herstellung von BierfĂ€ssern stammte.
Die Ballonfahrt war also mit groĂer Sorgfalt vorbereitet worden (Piccard selbst nannte seine Pionierfahrten âaventures exactesâ- exakte Abenteuer), und bereits im SpĂ€tsommer 1930 sollte der Flug stattfinden. Doch verschiedene widrige UmstĂ€nde wie ungĂŒnstige Wetterbedingungen oder fehlende behördliche Bewilligungen verzögerten den Aufstieg. Dennoch herrschte Zuversicht in der öffentlichen Darstellung, so schrieb das Berliner Tageblatt: âEr [Piccard] hat Wissen und Erfahrung, Mut und Entschlossenheit â nur die behördliche Bewilligung hat er noch nicht. Man kann fĂŒglich annehmen, dass sein kĂŒhnes Unternehmen nicht an einem Paragraphen scheitern wird.â Eine andere Zeitung schreibt: âEs kann wohl angenommen werden, dass diese Bewilligung nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und dann wird Professor Piccard seine Fahrt, die alle Phantasien von Jules Verne ĂŒbertrifft, antreten können.â
Ende Mai 1931 findet die Ballonfahrt dann schlussendlich statt. 15.781 Meter ĂŒber dem Meeresspiegel erreichen Piccard und Kipfer in ihrer Kapsel, und stellen somit, auch wenn das keineswegs ihre Motivation war, einen neuen Höhenrekord der bemannten Luftfahrt auf. Viele der vorbereiteten Messungen können erfolgreich durchgefĂŒhrt werden, als allerdings der Abstieg ansteht stellt, sich heraus, dass das Ventil fĂŒr das kontrollierte Ablassen des Wasserstoffs aus dem Ballon nicht richtig funktioniert. Piccard selbst kommentierte diese UmstĂ€nde relativ gelassen mit der Aussage â[âŠ] mit jedem Ballon kommt man runter; man kennt keinen Fall, wo ein Ballon oben geblieben wĂ€re. Aber⊠es dauert ziemlich lange.â Damit meinte er, dass die Ballonfahrer bis nach Sonnenuntergang warten mussten, damit sich der Wasserstoff abkĂŒhlte. Durch die höhere Dichte des Gases verringerte sich der Auftrieb, sodass der Ballon allmĂ€hlich von selbst sank und nach etwa 18 Stunden Flugzeit vergleichsweise sanft auf einer Schneedecke in den Tiroler Alpen aufsetzte.



