Während im östlichen Pazifik bereits drei starke Hurrikane der Kategorie 3 oder höher beobachtet wurden, blieb der Atlantik bislang von einem Hurrikan verschont. Die jüngste tropische Aktivität konzentrierte sich von Ende August bis Anfang September auf den Golf von Mexiko. Dort entwickelte sich Tropensturm EDOUARD, der anschließend an der Golfküste zwischen Louisiana und Texas an Land ging und sich über dem Festland rasch abschwächte. Der Sturm erreichte während seiner relativ kurzen Lebensdauer einen minimalen Kerndruck von etwa 998 hPa und maximale Windgeschwindigkeiten von 85 bis 100 km/h. Damit blieb EDOUARD deutlich hinter der Intensität zurück, die starke Hurrikane im Atlantik erreichen können.
Bereits wenige Tage zuvor hatte sich über dem zentralen Atlantik DOLLY zu einem Tropensturm entwickelt. Auch dieses System konnte sich jedoch nicht nachhaltig verstärken und löste sich unter zunehmend ungünstigen atmosphärischen Bedingungen innerhalb von 24 Stunden wieder auf. Seit dem 3. September ist der Atlantik nun komplett frei von Tropenstürmen und Hurrikans.
Ein wesentlicher Grund für die derzeit geringe Aktivität ist die ausgeprägte vertikale Windscherung. Dabei unterscheiden sich Windgeschwindigkeit und Windrichtung zwischen der unteren und der oberen Troposphäre deutlich. Während in der oberen Troposphäre über dem mittleren Atlantik teils kräftige Westwinde vorherrschen, wehen in der unteren Troposphäre überwiegend eher schwach ausgeprägte östliche Winde. Für tropische Wirbelstürme ist eine solche Umgebung äußerst ungünstig.
Insbesondere im Bereich der Karibik und des tropischen Atlantiks können die mit dem aktuellen El-Niño-Ereignis verbundenen atmosphärischen Zirkulationsänderungen die Windscherung verstärken. Wird ein sich entwickelndes tropisches Tief von starken Winden in höheren Luftschichten überströmt, wird dessen vertikale Struktur zunehmend gestört. Die für eine weitere Intensivierung notwendige symmetrisch angeordnete hochreichende Konvektion kann sich dadurch kaum formieren.
El Niño ist allerdings nicht der einzige Faktor. Die tatsächliche Aktivität einer Hurrikan-Saison ergibt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener großräumiger und regionaler Prozesse. Dazu gehören unter anderem die Meeresoberflächentemperaturen, die Windscherung, die Feuchteverteilung in der Atmosphäre, die Lage subtropischer Hochdruckgebiete sowie die Madden-Julian-Oszillation (MJO).
Ein weiterer ungünstiger Faktor ist die derzeit häufig vorhandene trockene Luft über Teilen des tropischen Atlantiks. Trockene Luft in der mittleren Troposphäre kann in tropische Störungen vor allem bei starker vertikaler Windscherung eingemischt werden und dadurch die Entwicklung von hochreichender Konvektion behindern.
Auch die wiederholt auftretenden Saharastaub-Ausbrüche spielen eine Rolle. Staubhaltige, trockene Luftmassen können die Atmosphäre stabilisieren und damit die Bildung beziehungsweise Organisation kräftiger Gewitterzellen erschweren. Für ein tropisches Tiefdruckgebiet ist das problematisch, da seine weitere Entwicklung auf einer anhaltenden und ausreichend hochreichenden Konvektion aufbaut. Die Kombination aus trockener Luft, Saharastaub und starker vertikaler Windscherung stellt deshalb derzeit eine besonders ungünstige Umgebung für die Entwicklung tropischer Wirbelstürme dar.
Aktuell befindet sich zwar ein Gewittersystem über dem subtropischen Atlantik - eine Verstärkung zu einem Hurrikan ist aber zunächst unwahrscheinlich, da sich das Gewittersystem in einer Umgebung mit relativ starker Windscherung befindet. Allerdings könnten sich die Umgebungsbedingungen zur Wochenmitte verbessern. Damit ist im weiteren Verlauf zumindest die Entwicklung des Gewittersystems zu einem Tropensturm nicht ausgeschlossen. Abgesehen davon ist der tropische und subtropische Atlantik, sowie auch der Golf von Mexiko weitgehend störungsfrei. Und auch die Vorhersage für die nächsten Tagen zeigt kein Aufleben der tropischen Wirbelsturmaktivität über dem Atlantik.
Ist die Hurrikan-Saison damit schon vorbei?
Die offizielle atlantische Hurrikan-Saison dauert noch bis zum 30. November. Auch wenn der klimatologische Höhepunkt normalerweise von Anfang bis Mitte September liegt, können sich im Oktober und sogar noch im November tropische Wirbelstürme entwickeln.
Derzeit spricht zwar vieles für eine weiterhin unterdurchschnittliche Aktivität. Insbesondere die hohe vertikale Windscherung ist ein wichtiger hemmender Faktor. Dennoch wäre es falsch, bereits jetzt das endgültige Ende der Saison vorherzusagen. Auch die Erfahrung aus vergangenen El-Niño-Jahren zeigt, dass eine ruhige erste Saisonhälfte nicht zwangsläufig eine ruhige zweite Hälfte bedeutet. Das Jahr 1997 ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Damals herrschte ein außergewöhnlich starker El Niño, dennoch entstanden im weiteren Verlauf der Saison insgesamt drei Hurrikane.
Eine mögliche kurzfristige Veränderung könnte zudem durch die Madden-Julian-Oszillation (MJO) ausgelöst werden. Eine Phase verstärkter tropischer Konvektion kann die großräumige Zirkulation über dem Atlantik beeinflussen und dadurch vorübergehend günstigere Bedingungen für tropische Entwicklungen schaffen. Ob daraus tatsächlich Hurrikane entstehen können, hängt jedoch von den gleichzeitig herrschenden atmosphärischen Bedingungen, wie den regionalen Meeresoberflächentemperaturen, der troposphärischen Feuchte und der Windscherung ab.
Damit bleibt die weitere Entwicklung offen. Sollte die starke Windscherung über dem tropischen Atlantik jedoch über längere Zeit bestehen bleiben und sollten keine anderen großräumigen Prozesse für eine deutliche Verbesserung der Bedingungen sorgen, könnte die Saison tatsächlich als eine der schwächsten atlantischen Hurrikan-Saisons in die Statistik eingehen. Historisch schwache Saisons waren insbesondere 1907 und 1914: In beiden Jahren wurde im Atlantik kein einziger Hurrikan registriert. Ob die Saison 2026 am Ende tatsächlich in diese Kategorie fällt, lässt sich aktuell allerdings noch nicht seriös beurteilen.




