26. April 2012 |
LuftelektrizitÀt, Gewitter und Verhaltensregeln
In der AtmosphÀre entstehen durch radioaktive Strahlung der Erde,
kosmische Strahlung aber auch durch Luftbewegungen positiv und
negativ geladene Ionen, die sich nur teilweise durch Rekombination
wieder zu elektrisch neutralen Atomen bzw. MolekĂŒlen vereinigen. Es
bildet sich ein Gleichgewicht zwischen Erzeugung, Rekombination und
Abwanderung elektrischer Ladungen.
Bei ruhender, ungestörter AtmosphÀre gelangen positiv geladene Ionen
in eine elektrisch gut leitende Schicht in ca. 70 km Höhe, wÀhrend
sich die ErdoberflÀche negativ auflÀdt. In BodennÀhe kann die
elektrische FeldstÀrke bis 100 Volt pro Meter (V/m) betragen. An
höheren Objekten, etwa GebÀuden oder BÀumen, steigt sie rasch an, da
dort die ĂquipotentialflĂ€chen des elektrischen Feldes stark
deformiert werden.
Wird bei gewittrigen Wetterlagen, wenn in der AtmosphÀre elektrische
FeldstÀrken von 100000 V/m herrschen, die PotentialÀnderung auf
kleinem Raume zu stark, können an aufragenden Spitzen, z.B. an
Schiffsmasten oder KirchtĂŒrmen, BĂŒschelentladungen auftreten. Diese
seltenen PhÀnomene sind als "Elmsfeuer" bekannt, dann besteht
unmittelbare Blitzgefahr und höchste Bedrohung fĂŒr Leib und Leben.
Bei Gewittern werden in Cumulonimbuswolken durch starke vertikale
Luftbewegungen groĂe Mengen von Wassertröpfchen in betrĂ€chtliche
Höhen (bis ĂŒber 10 km) befördert. Dabei entstehen durch
Ladungstrennung elektrische Spannungen von bis zu einer Milliarde
Volt. Die Spannungen entladen sich zwischen verschiedenen
Wolkenteilen als Wolkenblitze, mit GesamtlÀngen von bis zu 100 km,
oder als Erdblitze zwischen Wolke und ErdoberflÀche; in letzterem
Fall bevorzugt zu exponierten und aufragenden GegenstÀnden.
Dabei erfolgt die Blitzentladung in ruckartigen SchĂŒben durch
StoĂionisation lĂ€ngs eines sog. Blitzkanals, es sind mehrere (bis
etwa 40) Entladungen im selben Blitzkanal möglich. Die elektrische
StromstÀrke eines Blitzes kann 200000 Ampere erreichen, jedoch sind
die Zeitspannen der Hauptentladung mit 1 Mikrosekunde bis 1
Millisekunde so gering, daĂ die mittlere elektrische Ladungsmenge nur
etwa 20 Amperesekunden betrÀgt. Dementsprechend klein ist auch der
Energieinhalt von Blitzen.
Die Anzahl der Gewitter auf der Erde schÀtzt man auf ca. 2000 pro
Stunde (mit etwa 100 Blitzen pro Sekunde), die meisten davon in den
Tropen. In Deutschland ist im langjÀhrigen Mittel der Juli der
gewitterreichste Monat mit einer relativen HĂ€ufigkeit von ĂŒber 40 %.
In diesem Jahr begann die "Gewittersaison" schon recht frĂŒh und am
vergangenen Sonntag war ein erstes Todesopfer zu beklagen, als eine
SpaziergÀngerin nahe Bad Hersfeld auf freiem Felde "vom Blitz
erschlagen" wurde.
Wie kann man sich nun vor Blitzen schĂŒtzen? Generell sollte man sich
dem elektromagnetischen Feld eines Gewitters entziehen. Dies ist
jedoch nicht immer möglich. In Kraftfahrzeugen und GebÀuden mit
ordnungsgemĂ€Ăen Blitzschutzanlagen besteht normalerweise keine Gefahr
(Faradayscher KĂ€fig), dennoch sollte man vielleicht auf Duschen und
Festnetztelefonie verzichten. Wird man auf freiem Felde ĂŒberrascht,
meidet man hoch aufragende GegenstÀnde und hockt sich, am besten in
der nĂ€chstgelegenen Senke, mit eng aneinander gesetzten FĂŒĂen hin
("HĂ€schen in der Grube"). Befindet man sich mitten im Walde unter
hohen BĂ€umen, sucht man einen dichten und flachen Baumbestand auf und
geht ebenfalls in die Hocke. (Diese AufzĂ€hlung von SchutzmaĂnahmen
erhebt keinen Anspruch auf VollzÀhligkeit.)
So tragisch der Todesfall von Bad Hersfeld auch ist, die
Wahrscheinlichkeit, als FuĂgĂ€nger drauĂen im Freien von einem Blitz
getroffen zu werden, entspricht etwa derjenigen, im Lotto einen
Sechser mit Superzahl zu gewinnen. DarĂŒber hinaus ist es tröstlich,
dass zwei Drittel aller vom Blitz Getroffenen ĂŒberleben (aufgrund des
sog. Skin-Effektes). In Deutschland sind im langjÀhrigen Mittel
jeweils 3 bis 4 Blitztote zu beklagen, die durch Blitze verursachten
materiellen SchÀden betragen rund 2 Mio. Euro.
Dipl.-Met. Thomas Ruppert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 26.04.2012
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