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01. Januar 2023 | Dipl.-Met. Robert Hausen

Wolkenpoesie

Wolkenpoesie

Datum 01.01.2023

Sogar Johann Wolfgang von Goethe konnte sich der Faszination der Meteorologie nicht entziehen, wie ein vielleicht weniger bekanntes Werk offenbart.

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind." oder auch "Da steh' ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!": Diese Passagen aus Goethes Werken sind ja landläufig bekannt. Doch wussten Sie, dass Goethe auch dem Begründer der modernen Wolkenkunde, Luke Howard, ein eigenes Gedicht gewidmet hat? Dieses stach kürzlich meinem geliebten Opa aus seiner reichhaltigen Literatursammlung zufällig ins Auge, was der Autor an dieser Stelle dankend aufgreifen möchte - ganz im Einklang mit der Feiertagspoesie aus dieser Rubrik vom 1. Weihnachtsfeiertag.

Im Namen des gesamten Vorhersageteams wünschen wir Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und vor allem gesundes Jahr 2023!

HOWARDS Ehrengedächtnis

Wenn Gottheit Kamarupa, hoch und hehr,
Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,
Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,
Da staunen wir und traun dem Auge kaum.

Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;
Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,
Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,
Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,
Da es die Macht am steilen Felsen bricht;
Der treueste Wolkenbote selbst zerstiebt,
Eh er die Fern erreicht, wohin man liebt.

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.
Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest,
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –
Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,
Erinnere dankbar deiner sich die Welt.


Bild von Pharmakologe und Apotheker Luke Howard (1772-1964), Begründer der modernen Wolkenkunde (Quelle Wikipedia)


Stratus

Wenn von dem stillen Wasserspiegelplan
Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt', erfreute Kinder, o Natur!

Dann hebt sich's wohl am Berge, sammelt breit
An Streife Streifen; so umdüstert's weit
Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
Ob's fallend wässert oder luftig steigt.

Kumulus

Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
Steht Wolke hoch, zum Herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
Wie's oben drohet, so es unten bebt.

Cirrus

Doch immer höher steigt der edle Drang!
Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich's auf,
Wie Schäflein trippelnd, leicht gekämmt zuhauf.
So fließt zuletzt, was unten leicht entstand,
Dem Vater oben still in Schoß und Hand.

Nimbus

Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! -

Der Erde tätig-leidendes Geschick!
Doch mit dem Bilde hebet euren Blick:
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt;
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.


Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Ölgemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1828 (Quelle Wikipedia)



Wohl zu merken

Und wenn wir unterschieden haben,
Dann müssen wir lebendige Gaben
Dem Abgesonderten wieder verleihn
Und uns eines Folgelebens erfreun.

So, wenn der Maler, der Poet,
Mit Howards Sondrung wohl vertraut,
Des Morgens früh, am Abend spät
Die Atmosphäre prüfend schaut,

Da läßt er den Charakter gelten;
Doch ihm erteilen luftige Welten
Das Übergängliche, das Milde,
Daß er es fasse, fühle, bilde.



© Deutscher Wetterdienst

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