Vor zehn Tagen gab es in groĂen Teilen Deutschlands die bisher stĂ€rkste Gewitterlage der Saison 2022. Schon weit im Vorfeld wurde ĂŒber die sozialen Medien und die Wetter- und Warnlageberichte davor gewarnt und es war klar, dass etwas "GröĂeres" bevorstehen wĂŒrde. Eine befĂŒrchtete Begleiterscheinung waren Orkanböen, die sich in der FlĂ€che erst ĂŒber Tschechien entfalten konnten. Aber auch auf das erhöhte Potential fĂŒr Tornados wurde immer wieder verwiesen. Insofern war es dann am Ende nicht wirklich ĂŒberraschend, dass diese aufgetreten sind. Wir wollen in der Folge die Lage etwas nĂ€her einordnen und auch schauen, warum man schon im Vorfeld das hohe Tornadopotential erkennen konnte.
ZunÀchst einmal sei ein Blick auf die Statistik geworfen. Dazu gab es bereits am 19.07.2021 ein Thema des Tages. Zudem gab es vergangenen Herbst einen Vortrag zu diesem Thema auf dem Extremwetterkongress (Link unter dem Tagesthema unter www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2022/5/30.html)). Alle Tornadoereignisse werden in der Unwetterdatenbank des ESSL (European Severe Storms Laboratory) gespeichert. Robuste Zahlen zur statistischen Untersuchungen von Tornadoereignissen in Deutschland gibt es etwa ab dem Jahr 2000. Nutzt man die Datenbasis von 2001 bis 2020 so wurden im Schnitt jÀhrlich 32 Tornados und knapp 17 Wasserhosen registriert. Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr und es ist davon auszugehen, dass es auch noch eine gewisse Dunkelziffer an schwachen Tornados gibt, die nicht in der Statistik auftauchen.
Die StĂ€rke der Tornados lĂ€sst sich ĂŒber die sogenannte Fujita-Skala von F0 bis F5 einordnen. Von starken Tornados spricht man ab einer StĂ€rke von mindestens F2. Starke Tornados gibt es im Schnitt etwa fĂŒnf pro Jahr (4 x F2, 1x F3). Noch stĂ€rkere Tornados kommen deutlich seltener vor. In den vergangenen Jahren gab es eher unterdurchschnittlich viele starke Tornados (2019: 1xF2, 1x F3, 2020: keiner, 2021: 1x F2). Insofern war es statistisch gesehen "mal wieder an der Zeit", dass wieder einige starke Tornados auftauchen. An dieser Stelle sei auch nochmal betont, dass sich in den Tornadostatistiken derzeit keinerlei Trend in Bezug auf Anzahl und StĂ€rke von Tornados in Deutschland, finden lĂ€sst. Insofern eignen sich Tornados auch nicht fĂŒr Argumentationen in Sachen Klimawandel. Am 20.05.2022 wurden insgesamt mindestens acht Tornados im Zusammenhang mit der Unwetterlage registriert, einer davon in den Niederlanden in GrenznĂ€he zu Deutschland. Bei einer solch groĂen Anzahl an Tornados spricht man von einem Tornadoausbruch. Drei dieser Tornados waren starke Ereignisse (Merxhausen, Lippstadt und Paderborn; jeweils F2). Der Tornado von Paderborn wird aktuell immer noch untersucht. Auf Tornadomap.org werden die bisherigen Untersuchungsergebnisse dokumentiert.
Kommen wir nun im zweiten Teil zu den Voraussetzungen fĂŒr Tornados am 20.05.2022. Die Vorhersager beim DWD arbeiten mit der sogenannten Zutatenmethode. Wir halten also nach Zutaten Ausschau, die zusammenkommen mĂŒssen, damit Gewitter und Tornados entstehen können. FĂŒr Gewitter brauchen wir zum einen Feuchte und zum anderen eine möglichst starke Temperaturabnahme mit der Höhe (LabilitĂ€t). Beide Zutaten werden in der verfĂŒgbaren Energie fĂŒr Gewitter zusammengefasst. Diese Energie war fĂŒr einige Regionen ĂŒber der Mitte und dem SĂŒden deutlich erhöht. Zudem braucht es noch eine weitere Zutat, die Hebung. Sie ist verantwortlich, dass die Luft gehoben wird, sich dabei abkĂŒhlt und sich schlussendlich Gewitterwolken bilden. FĂŒr den 20.05. half ein sich krĂ€ftigendes Tiefdruckgebiet, dass im Tagesverlauf von Benelux nach Norddeutschland zog und mit seinen AuslĂ€ufern ausreichend Hebung lieferte.
Um aus Gewittern auch Unwetter zu machen, braucht man zudem noch ein entscheidendes GewĂŒrz - die Windscherung. Darunter versteht man die Ănderung der WindstĂ€rke und -richtung mit der Höhe. FĂŒr Tornados schaut man ganz speziell auf die WindĂ€nderung zwischen Boden und etwa 1 km Höhe. Diese war auch am 20.05. deutlich erhöht. Damit sich ein Tornado ausbilden kann ist es zudem hilfreich, wenn die Unterseite der Gewitterwolke eine möglichst niedrige Höhe hat. Je höher die Wolkenbildung einsetzt, desto schwieriger wird es fĂŒr den Tornado, sich zu bilden. Auch diese Bedingung war insbesondere ĂŒber der westlichen Mitte gegeben.
Allein bei der Betrachtung der Zutaten war also schon klar, dass es an diesem Freitag zu Tornados kommen könnte. Wo diese tatsĂ€chlich auftreten, lĂ€sst sich allerdings nicht im Vorfeld sagen. Möglich ist hingegen eine PotentialabschĂ€tzung (siehe auch das Tagesthema vom 19.07.2021) und diese wurde dann unter anderem auch in der Vorabinformation vom Vortag kommuniziert. Als der potentielle Tornado dann mit Hilfe der Wetterradare und Zumeldungen erkannt wurde, tauchte die Begleiterscheinungen schlieĂlich auch in den Akutwarnungen auf.
Zu guter Letzt noch ein paar Dinge fĂŒr Interessierte. In einer Untersuchung ĂŒber starke Tornados in Deutschland von 2013 bis 2020 wurden einige typische Bedingungen im Zusammenhang mit Tornadolagen ermittelt. Ein interessanter Aspekt war, dass es hĂ€ufiger im Vorfeld von Tornadoereignissen bereits NiederschlĂ€ge gibt, die unter anderem auch zu einer Anfeuchtung und damit einem Absenken der Wolkenunterseite fĂŒhren können. Dies war immerhin in 12 von 17 untersuchten Ereignissen der Fall. In acht FĂ€llen gab es direkt vor dem Event Schauer oder Gewitter und auch am 20.05. war dies wieder so. Des Weiteren hat man herausgefunden, dass ein und dasselbe Gewitter wiederholt Tornados hervorbringen kann. An acht von zehn Tagen, wo es mehr als einen Tornado gab, brachte ein Gewitter mindestens zwei Tornados hervor. Am 20.05. konnte dies wieder beobachtet werden. Die Gewitterzelle, die zum Paderborn-Tornado fĂŒhrte, hat nachweislich mindestens vier Tornados erzeugt (Lippstadt, Paderborn, LĂŒtmarsen und Merxhausen), davon drei starke.
Zusammengefasst lĂ€sst sich die Lage am 20.05.2022 also als klassische Tornadowetterlage einordnen, wobei nach einer mehrjĂ€hrigen Phase mit verhĂ€ltnismĂ€Ăig wenigen starken Tornados, die Statistik wieder zugeschlagen hat und mindestens drei Tornados der StĂ€rke F2 aufgetreten sind. In den nĂ€chsten beiden Tagen geht es im Tagesthema in die Tornadohochburg USA, mit einem Blick auf den sich jĂ€hrenden tödlichen El Reno Tornado.
Dipl.-Met. Marcus Beyer
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 30.05.2022
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