22. November 2012 |
Wo steckt der Winter?
Diese Frage mag manchem "Winterflüchtigen" unangenehm erscheinen,
aber acht Tage vor Beginn der meteorologischen Jahreszeit drängt sie
sich schon in unser Bewusstsein. Wenn auch der vielerorts trübe
Himmel aufs Gemüt schlug, erscheinen doch die deutschen
Höchsttemperaturen mit Spannweiten meist zwischen 6 und 11 °C derzeit
eher mild.
Schauen wir nach Nordamerika: In großen Teilen Kanadas und Alaskas
herrscht klirrende Kälte. Spitzenreiter auf dem Kontinent bei den
heutigen Tiefsttemperaturen ist die Station Eureka (Territorium
Nunavut, Ellesmere Island, 79°58'N, 85°56'W, 10 m NN) mit -36.6 °C,
gefolgt von Gulkana (Alaska, 62°05'N, 145°33'W, 481 m NN) mit -36.1
°C und Burwash (Yukon-Territorium, 61°22'N, 139°21'W, 805 m NN) mit
-33.8 °C.
Weitaus kälter war es in der vergangenen Nacht in Ostsibirien. Dort
wurden in Buyaga (59°27'N, 127°16'E, 278 m NN) sogar -44.8 °C
beobachtet, in Segen-Kuel (63°45'N, 130°14'E, 208 m NN) sowie in
Tongulakh (61°40'N, 124°54'E, 205 m NN) waren es -43.6 °C. Alle diese
Stationen liegen im Bereich des Oberlaufes der Lena, eines großen
sibirischen Stromes.
Neben der topografischen Begünstigung im Bereich der südlichen
Mitteljakutischen Niederung, in der sich Kaltluftmassen ansammeln
können, dürfte die Hauptursache für derartige Extremwerte ein von
Zentralasien ausgreifender Hochdruckkeil geringer vertikaler
Mächtigkeit sein, welcher in der höheren Atmosphäre von tiefem
Luftdruck überlagert wird.
Die eingeflossene, am Boden unter relativem Hochdruck stehende
Luftmasse kommt zur Ruhe, wird durch strahlungsbedingte Auskühlung
der bodennahen Luftschichten, insbesondere bei klarem Nachthimmel
über Schneeflächen, immer kälter und wirkt schließlich Klima bildend.
Dauerhafte winterliche Kältehochs trifft man vor allem auch in der
Antarktis.
(Zum Vergleich: an der russischen Südpolar-Station Wostock, dem
Kältepol der Erde, wurden -46.6 °C gemessen. Dort herrscht allerdings
Polarsommer. Eine nördliche Zirkumpolarkarte der Tiefsttemperaturen
sowie die Luftdruckverteilung am Boden vom 22.11.2012, 00:00 UTC,
finden Sie nachfolgend.)
Dipl.-Met. Thomas Ruppert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 22.11.2012
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