17:02 MESZ | 24.09.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
18. Februar 2017 |

Sommer im arktischen Winter

Sommer im arktischen Winter

Datum 18.02.2017

Recht ruhiges, nicht sonderlich bemerkenswertes Wetter herrscht zurzeit in Deutschland. Da bietet es sich an, mal wieder den sprichwörtlichen "Blick über den Tellerrand" zu wagen. Die Reise soll heute in eine Region gehen, die seit Monaten wahrlich außergewöhnliches Wetter erlebt - nämlich in die Arktis, in unmittelbare Nordpolnähe.

Winter und Polarregionen? Da denkt man zwangsläufig an die Polarnacht, an wochenlange Dunkelheit und an eisige Kälte. Dunkel ist es, ohne Frage. Das lässt sich schon alleine aus astronomischen Gründen nicht ändern. Das Wetter jedoch möchte heuer nicht so recht mitspielen und macht mehr auf Sommer als auf Winter. In den Regionen unmittelbar um den Nordpol herum ereignet sich nämlich seit Herbst 2016 eine außerordentliche Wärmeperiode. Von September 2016 an bis heute lag die tägliche mittlere Temperatur nördlich des 80. Breitengrades ununterbrochen über den klimatischen Mittelwerten. Somit werden seit mehr als 150 Tagen überdurchschnittliche Werte ermittelt. Dabei erreichten die positiven Abweichungen teilweise eine Größenordnung, wie sie bei uns in Mitteleuropa unvorstellbar sind. Vielfach bewegten sich die Anomalien in einem Bereich zwischen 10 und 15 Grad über den "Normalwerten". Im November gipfelte die Wärmeperiode in einer sagenhaften positiven Anomalie von mehr als 20 Grad. Es wurden Temperaturen beobachtet, wie sie teils im Sommerhalbjahr nicht verzeichnet werden.



Größere Temperaturschwankungen treten in den Polarregionen häufiger auf. Es ereignen sich immer wieder mal kräftige Warmluftvorstöße bis zum Nordpol. Dabei wird die während der Polarnacht stattfindende, fortwährende Auskühlung der Luft durch das Heranführen warmer Luftmassen auf der Vorderseite kräftiger Sturm- und Orkantiefs unterbrochen. Doch normalerweise wechseln sich diese Phasen der Erwärmung mit wieder deutlich kälteren Phasen ab. Insofern ist die Ausdauer, mit der die derzeitige Wärmeperiode aufwartet, wirklich außergewöhnlich. Darüber hinaus soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Arktis nicht nur partiell, sondern nahezu flächendeckend von diesem Phänomen betroffen ist - und die Meteorologen und Klimatologen kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.



Der "Sommer im arktischen Winter" bleibt natürlich nicht ohne Folgen für das Meereis. Nachdem am 10. September 2016 das saisonale Minimum der Eisbedeckung registriert wurde, konnte das Eis aufgrund der warmen Temperaturen in der Folge nur zögerlich anwachsen. Es kam, wie es kommen musste: Im November 2016, just, als sich die Wärmeperiode zum Höhepunkt aufschwang, verzeichnete man neue Tiefststände in der Eisbedeckung. Dabei sollte sie gerade dann, nämlich während des Herbstes, im Arktischen Ozean zügig anwachsen. Die positive Temperaturanomalie wirkt sich nicht nur auf die Eisbedeckung, sondern auch auf das Eisdickenwachstum aus. Friedemann Schenk, ein Kollege vom "Verein der Berliner Wetterkarte", rechnete jüngst aus, dass die Meereisdicke Ende Januar bereits 83 cm dünner sein dürfte als bei einer durchschnittlichen Wachstumsperiode.



Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Meereis bis zum Start in das Sommerhalbjahr nicht mehr erholen wird. Damit droht in diesem Jahr ein neues Meereis-Minimum. Da das arktische Meereis großen Einfluss auf die ozeanische und atmosphärische Zirkulation hat, zudem Lebensraum für eine speziell angepasste Flora und Fauna bietet, ist die Tragweite dieser Entwicklung gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Dipl.-Met. Adrian Leyser

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 18.02.2017

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

24.09. - Flugwettervorhersagen: Der GAFOR

23.09. - Die dritte Jahreszeit

22.09. - In den Nächten zeigt sich der Herbst

21.09. - Ruhiger Start in den Herbst

20.09. - Europawetter

19.09. - Westeuropa blockiert erneut

18.09. - Zwischen Spätsommer und Frühherbst

17.09. - Weltwetterorganisation: Der globale Wasserkreislauf gerät aus den Fugen

16.09. - Sonnenscheinreiches Jahr 2026 – Erste Zwischenbilanz

15.09. - Ungewöhnlich ruhiger tropischer Atlantik!

14.09. - Magdeburger Halbkugeln - Auf der Suche nach dem Nichts

13.09. - Geschichte der Meteorologie − Teil 17: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (c) und internationale meteorologische Konferenzen

12.09. - Wo endet die Atmosphäre, wo beginnt der Weltraum?

11.09. - Verifikation von Wettermodellen

10.09. - Stark- und Dauerregen von Mittelitalien bis nach Österreich

09.09. - Tschüss Hochsommer, hallo Spätsommer und Frühherbst

08.09. - Geschichte der Meteorologie – Teil 16: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (b)

07.09. - Geschichte der Meteorologie − Teil 15: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (a)

06.09. - "WeatherNext3" – Wie zuverlässig ist ein KI-Modell ohne explizite Physik?

05.09. - Kopfschmerzen durch Wetter

04.09. - Zwischen Sturm und Spätsommer

03.09. - Deutschlandwetter im Sommer 2026

02.09. - Deutschlandwetter im August 2026

01.09. - Der Einfluss großer Windparks auf Wetter und Niederschlag

31.08. - Wie wird eigentlich ... gemessen? - Temperatur

30.08. - Kommt die hochsommerliche Hitze zurück?

29.08. - Hurrikan KATRINA: Heute vor 21 Jahren

28.08. - Göttliche Zeichen am Himmel? – Historische Interpretationen von Halos

27.08. - Die atlantische Hurrikansaison 2026: Ein Update

26.08. - Marine Hitzewellen