Moore, Teil der Metropolitan Area von Oklahoma City, hat in Sachen Tornados eine bemerkenswerte Geschichte. Die Stadt scheint beinahe eine Anziehungskraft auf diese Art StĂŒrme zu haben. Denn alleine seit 1999 verursachten insgesamt fĂŒnf signifikante Tornados immer wieder groĂe SchĂ€den im Stadtgebiet. Die Serie startete im Mai 1999 mit dem Bridge Creek-Moore F5, der Tornado mit den höchsten jemals gemessenen Windgeschwindigkeiten mit 521 km/h. In den Folgejahren zogen auĂerdem ein EF2 (2015), ein F4 (2003) und ein EF4-Tornado (2010) durch bewohntes Gebiet. Nein, bei dem Event im Jahre 2003 wurde kein "E" vergessen, das war vor der EinfĂŒhrung einer neuen Fujita-Skala, doch mehr dazu spĂ€ter. Am ehesten ist den Bewohnern aber der EF5-Tornado vom 20.05.2013 in Erinnerung.
Der Tornado war Teil einer groĂen Schwergewitterlage in den zentralen Vereinigten Staaten zwischen dem 18.-20. Mai, bei der sich insgesamt 77 Tornados bildeten. Ein ausgeprĂ€gter Höhentrog mit korrespondierendem Bodentief zog langsam ostwĂ€rts ĂŒber die nördliche Mitte der USA. Auf dessen Vorderseite wurden sehr warme, instabile und feuchte Luftmassen nach Norden transportiert. Die Windscherung, welche essentiell fĂŒr die Bildung von Superzellen mit Tornados ist, war in den Bereichen stark erhöht. In dieser Luftmasse entwickelten sich im Vorfeld einer Kaltfront, an einer sog. Dryline (Wetter und Klima - Deutscher Wetterdienst - Thema des Tages - Die "dryline") schwere Gewitter, inklusive Superzellen. Aus einer dieser Zellen bildete sich um 14:56 Uhr Ortszeit, etwa 7 km nordwestlich von Newcastle, Oklahoma der Tornado aus und begann seinen zerstörerischen Weg nach Nordosten in Richtung Moore. Ăber 39 Minuten hinweg verursachte der Tornado gewaltige SchĂ€den in den sĂŒdlichen Wohngebieten und umliegenden Regionen westlich und östlich von Moore. Durch die Stadt verlief eine fast durchgĂ€ngige Schadensschneise mit EF4- und einigen EF5-SchĂ€den. Zum Teil war sie 350 Meter breit. Ganze Wohnsiedlungen wurden hier dem Erdboden gleich gemacht, Schulen, KrankenhĂ€user und andere wichtige Infrastruktur stark beschĂ€digt. An einer Kreuzung knapp westlich der Interstate 35 entstanden die gröĂten SchĂ€den, da der Tornado hier eine Schleife machte und lĂ€nger ĂŒber dieser Stelle wĂŒtete. Eine Ăbersicht ĂŒber die genaue Zugbahn und die unterschiedlichen Schadensbereiche zeigt die untenstehende Abbildung 2. Wenn Sie sich nun fragen, wo denn die violetten Farben fĂŒr den EF5 geblieben sind, so sind diese nur in ganz feinen Spuren entlang der "Schleife" sowie dicht sĂŒdwestlich davon innerhalb des breiten roten EF4 Bereiches zu finden und mit bloĂem Auge kaum zu sehen. Insgesamt waren es 9 HĂ€user, an denen eine EF5 Schaden nachgewiesen wurde.
Das traurige Fazit des Tornados: Auf einer Zugstrecke von 23 Kilometern und einer maximalen Breite von 1,7 Kilometern verloren 24 Menschen ihr Leben, mehrere Hunderte wurden verletzt. Ăber 4200 Objekte wurden beschĂ€digt, darunter etwa 1150 HĂ€user, von denen insgesamt mehr als 300 EF4/EF5-SchĂ€den erlitten. Die Schadenssumme betrug in 2013 rund 2 Milliarden US-Dollar.
Seit diesem Tag ist der Tornado in Moore der letzte registrierte EF5-Tornado. TatsĂ€chlich ist die aktuelle, 12-jĂ€hrige EF5-"DĂŒrre" der lĂ€ngste Zeitraum ohne einen solchen Tornado seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Somit stellt sich die Frage, ob diese Pause meteorologisch bedingt, zufĂ€llig oder das Resultat einer wechselhaften Klassifizierungspraxis ist.
Eine mögliche Ursache könnten meteorologische VerĂ€nderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel sein. Es ist allerdings noch sehr schwierig zu beurteilen, inwieweit der Klimawandel tatsĂ€chlich Tornados beeinflusst. Durch EinschrĂ€nkungen in den Tornadodatenbanken, ein begrenztes VerstĂ€ndnis der Tornadogenese und die grobe Auflösung der Klimamodelle, werden verlĂ€ssliche Aussagen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Tornadoklimatologie der USA erschwert. Seit einigen Jahren zeigt sich aber neben einer rĂ€umlichen Verschiebung, eine höhere VariabilitĂ€t. Das bedeutet, dass es insgesamt weniger Tage mit Tornados gibt, dafĂŒr eine Zunahme von Tornados an einzelnen Ausbruchstagen. Diese Beobachtung lĂ€sst sich sogar mit bisherigen Erkenntnissen der Klimaforschung in Einklang bringen. Laut Modellen wĂŒrden in einem wĂ€rmeren Klima die CAPE-Werte (Convective Available Potential Energy, also die einem Gewitter zur VerfĂŒgung stehende Energie) steigen, wĂ€hrend die CIN-Werte (Convective Inhibition, Energie, die ein Gewitter fĂŒr seine Entstehung ĂŒberwinden muss) ebenfalls zunehmen wĂŒrden. Dies wĂŒrde dazu fĂŒhren, dass weniger Superzellen gebildet werden, aber wenn sie entstehen, wĂ€ren sie aufgrund der erhöhten CAPE stĂ€rker und könnten mit gröĂerer Wahrscheinlichkeit mehrere und stĂ€rkere Tornados erzeugen. Diese theoretische Zunahme von starken Tornados widerspricht jedoch der EF5-"DĂŒrre" und stellt somit keinen guten ErklĂ€rungsansatz fĂŒr das Fehlen von EF5-Tornados dar.
Es erscheint ebenfalls wenig wahrscheinlich, dass es sich hier lediglich um einen Zufall handelt. Zwischen 1880 und 2023 wurden insgesamt 101 F5- bzw. EF5-Tornados registriert â das entspricht durchschnittlich etwa 0,7 pro Jahr. Diese besonders starken Tornados traten in 59 von insgesamt 144 Jahren auf, was einer jĂ€hrlichen Wahrscheinlichkeit von rund 41 % entspricht. Geht man davon aus, dass das Auftreten von mindestens einem F5-/EF5-Tornado pro Kalenderjahr unabhĂ€ngig von vorhergehenden Jahren ist, so betrug die Wahrscheinlichkeit dafĂŒr, dass in den 11 aufeinanderfolgenden Jahren seit 2013, kein solcher Tornado in den Vereinigten Staaten auftritt, lediglich 0,17 %. Die aktuelle EF5-"LĂŒcke" ist statistisch gesehen also extrem selten und kann als sehr ungewöhnlich betrachtet werden. Es muss also wohl ein anderer Grund dahinterstecken.
Eine kĂŒrzlich erschienene Studie zeigt: Die scheinbare Abnahme ist weniger auf eine tatsĂ€chliche Reduktion dieser Ereignisse zurĂŒckzufĂŒhren, sondern vielmehr auf eine VerĂ€nderung in der Bewertungsmethodik von Tornados. Seit 2007 verwendet die USA nĂ€mlich nicht mehr die klassische Fujita (F)-Skala, sondern stattdessen die Enhanced Fujita (EF)-Skala zur Klassifizierung von TornadofĂ€llen. Der wesentliche Unterschied â und vermutlich auch der Hauptgrund fĂŒr die gesunkene Zahl an EF5-Tornados â besteht darin, dass die neuere EF-Skala bauliche Rahmenbedingungen berĂŒcksichtigt und je nach GebĂ€udetyp unterschiedliche Schadensgrade definiert. Dadurch kann es passieren, dass Tornados, die nach der alten Fujita-Skala als F5 eingestuft worden wĂ€ren, nach den strengeren Kriterien der EF-Skala nur noch als EF4 bewertet werden. Nicht zu verwechseln ist diese Anpassung in den USA mit der erst jĂŒngst erfolgten EinfĂŒhrung der Internationalen Fujita Skala (IF) in Europa, die gesondert auf die hiesige Bauweise angepasst ist und auch vom DWD verwendet wird.
Doch zurĂŒck zu unserem Skalenproblem in den USA: Besonders deutlich wird das am hĂ€ufigsten verwendeten Schadensindikator: den SchĂ€den an EinfamilienhĂ€usern. Nach der ursprĂŒnglichen F-Skala galt ein gut gebautes Haus, das vollstĂ€ndig von seiner Bodenplatte gefegt wurde, automatisch als F5-Schaden. Die EF-Skala hingegen stuft denselben Schaden in der Regel als EF4 ein â es sei denn, es kann nachgewiesen werden, dass das GebĂ€ude ĂŒber den ĂŒblichen Bauvorschriften hinaus besonders robust errichtet wurde. Auch ein Detail bei der Entwicklung der Skalenbereiche spielt hierbei eine Rolle: die Rundung der Windgeschwindigkeitsbereiche. Auf Grundlage technischer Analysen wurde die höchste Schadensstufe ("Zerstörung eines gut gebauten Wohnhauses; Bodenplatte leergefegt") mit einer erwarteten Spitzenböe von 200 mph (322 km/h) verknĂŒpft. UrsprĂŒnglich lag der EF4-Bereich bei 168 â 199 mph, was bedeutet hĂ€tte, dass 200 mph gerade in den EF5-Bereich gefallen wĂ€re. Doch mit der finalen GlĂ€ttung der Skala in 5-mph-Schritte wurde der EF4-Bereich auf 166â200 mph erweitert. In der Folge liegt eine Spitzenböe von 200 mph â also bei vollstĂ€ndiger Zerstörung eines gut gebauten Hauses â nun am oberen Ende von EF4, nicht mehr im EF5-Bereich.
In Tornadohochburgen wie Oklahoma oder Kansas werden GebĂ€ude oft nur nach Mindeststandards errichtet, hĂ€ufig ohne VerstĂ€rkungen oder feste Fundamentverankerung. Dadurch fehlen bei vielen Tornados â besonders in lĂ€ndlichen Gebieten â belastbare Schadensindikatoren fĂŒr eine EF5-Einstufung. Selbst extrem starke Tornados wie der El-Reno-Tornado 2013 (EF3) oder ein Fall nahe Hollister (Oklahoma) im Jahr 2024 (EF1) konnten deshalb nur niedrig eingestuft werden.
Die VerĂ€nderungen durch die EF-Skala fĂŒhren also wohl zu inkonsistenten oder verzerrten Daten, was die Vergleichbarkeit zwischen Tornados aus verschiedenen Jahren und Regionen erschwert. Dies könnte langfristig die ZuverlĂ€ssigkeit der Tornadoaufzeichnungen und -statistiken beeintrĂ€chtigen, was wiederum Auswirkungen auf die Risikobewertung, Vorbereitung und die Vorhersagemodelle hĂ€tte. Um dem Vorzubeugen schlagen die Autoren vor, den Windgeschwindigkeitsbereich fĂŒr EF5-Tornados auf 190 mph anzupassen, um eine konsistente 5-stufige Einstufung von 1880 bis heute zu gewĂ€hrleisten. Diese Ănderung wĂŒrde dazu fĂŒhren, dass 13 EF5-Kandidaten, die aufgrund der strengeren Klassifikationskriterien als EF4 eingestuft wurden, in die Statistik aufgenommen werden. Dadurch wĂŒrde die LĂŒcke in der Anzahl der EF5-Tornados auf maximal fĂŒnf Jahre begrenzt.
TatsĂ€chlich wurde bereits bekannt gegeben, dass eine Gruppe innerhalb der American Society of Civil Engineers und der American Meteorological Society sich mit einer Ăberarbeitung der Enhanced Fujita Skala beschĂ€ftigt. Diese soll neue Forschungsergebnisse und bisherige Erfahrungen berĂŒcksichtigen, zusĂ€tzliche Schadensindikatoren umfassen und Anpassungen fĂŒr bereits Bestehende beinhalten. Es wird erwartet, dass der neue Standard innerhalb der nĂ€chsten Jahre, auf jeden Fall innerhalb dieser Dekade, veröffentlicht wird.







