19:13 MESZ | 13.05.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
29. April 2019 |

Die Kármánsche Wirbelstraße

Die Kármánsche Wirbelstraße

Datum 29.04.2019

Geht es in Deutschland wettertechnisch etwas ruhiger zu, schauen wir Meteorologen auch gerne mal über die Grenzen hinaus. Dabei lassen sich immer wieder faszinierende Phänomene beobachten, wie beispielsweise am Ostermontag im Windschatten von Madeira, wo sich eine sogenannte "Kármánsche Wirbelstraße" bildete.

Das Wettergeschehen am diesjährigen Ostermontag in der vergangenen Woche (22.04.2019) war für uns Meteorologen fast schon langweilig. Bei viel Sonnenschein und einem weitgehend wolkenfreien Himmel stieg die Temperatur teilweise auf sommerliche 27 Grad Celsius an. Schaute man sich an diesem Tag jedoch in Europa um, konnte man über die extremen Niederschlagssummen an der Ostküste Spaniens staunen (wir berichteten bereits im Thema des Tages am Ostermontag). Beim Blick auf den nahen Nordostatlantik wurde aber ein weiteres faszinierendes Phänomen sichtbar. Mithilfe des Satelliten METEOSAT-11, der sich in einer Höhe von 36.000 km stationär über dem Äquator befindet, ließen sich am Ostermontag zwischen Madeira und den Kanarischen Inseln riesige Wolkenwirbel beobachten. Diese Wolkenwirbel werden in der Meteorologie auch als "Kármánsche Wirbelstraße" bezeichnet (siehe Animation).


Zum Vergrößern bitte klicken


Bereits 1908 legte Henri Benard den ersten Grundstein in der Forschung zu dieser faszinierenden Erscheinung, der es dem ungarischen Ingenieur und Mathematiker Theodore von Kármán schließlich 1911 ermöglichte, die Kármánsche Wirbelstraße nachzuweisen und zu berechnen. Dabei handelt es sich um ein Phänomen aus der Strömungsmechanik, das bei ausreichender Strömungsgeschwindigkeit im Windschatten eines Hindernisses, also im Lee, anzutreffen ist. Grob vereinfacht kann man sagen, das ein Hindernis bei entsprechend geringer Geschwindigkeit des umgebenden Fluids "laminar", also ohne sichtbare Verwirbelungen umströmt wird. Steigt die Strömungsgeschwindigkeit, bilden sich im Lee zunächst stationäre Wirbel, bei weiterer Geschwindigkeitszunahme kommt es schließlich an dem umströmten Körper zu einer alternierenden Wirbelablösung. Diese driften dann mit der Strömung stromabwärts. Somit entsteht ein mehr oder weniger regelmäßiges Muster, das aus zwei versetzten Reihen von Wirbeln mit entgegengesetztem Drehsinn besteht und von der Form und Dimension des umströmten Körpers abhängt. Dass dieses Muster als "Straße" bezeichnet wird, liegt übrigens an der Ähnlichkeit zu den gleichmäßig gegeneinander versetzten Fußstapfen von Passanten.

Im vorliegenden Beispiel wird die Wirbelstraße aufgrund der vorhandenen, flachen Stratocumuluswolken, wie sie häufig im Randbereich der Tropen auftreten, bei der Umströmung von Madeira sichtbar. Dort bildet der Berg Pico Ruivo zusammen mit dem Pico do Arieiro, dem Pico das Torres und dem Pico Grande das zentrale Hochgebirge der Insel mit einer Höhe von bis zu 1861 Metern. Die Küste Madeiras fällt hingegen zum Meer hin steil ab. Aber nicht nur stromabwärts von Madeira lassen sich die Wirbelstraßen sichten, häufig werden sie auch bei anderen, hoch aus dem Meer ragenden Inselgruppen beobachtet, beispielsweise im Windschatten der Kanarischen Inseln. Dort traten am Ostermontag ebenfalls Wirbel auf, die jedoch aufgrund geringer Bewölkung im Lee nur schwer ersichtlich sind. Weitere Beispiele sind Tristan da Cunha im südlichen Atlantischen Ozean oder Guadalupe vor der Westküste Mexikos, Jan Mayen im Nordmeer oder die Juan-Fernández-Inseln im südöstlichen Pazifik.

Allerdings ist das Auftreten der Kármánschen Wirbelstraße nicht nur auf Wolken beschränkt. Sie lassen sich vielerorts in der Natur und Technik finden. Grundsätzlich können sie in allen gasförmigen und flüssigen Stoffen nachgewiesen werden und treten recht häufig auf, auch wenn sie nicht immer für das menschliche Auge sichtbar sind. Ein weiteres Beispiel für die Bildung von Wirbelstraßen findet man bei der Umströmung von Brückenpfeilern. Man kann sie übrigens auch selbst erzeugen, in dem man beispielsweise in der Badewanne mit dem Finger durchs Wasser fährt oder ein Räucherstäbchen rasch mit der Hand durch die Luft bewegt. Bei der Konstruktion von Flugzeugen muss hingegen beachtet werden, dass diese laminar umströmt und somit Wirbelbildungen möglichst vermieden werden.

MSc.-Met. Sebastian Schappert

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 29.04.2019

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

13.05. - Wo ist der Polarjet hin?

12.05. - Der Geruch von Regen

11.05. - Turbulente und kühle Maitage

10.05. - Pannekoek in der Kalahari – wenn die Savanne wieder zum Leben erwacht

09.05. - Die Eisheiligen: Nur ein Mythos?

08.05. - Warmes Wochenende, kühler Wochenstart

07.05. - Wie funktioniert eine Gewittervorhersage?

06.05. - Endlich (zu viel) Regen

05.05. - Unwetterpotenzial in der Mitte: Starkregen und Gewitter

04.05. - Ausblick in die Wetterwoche

03.05. - Geschichte der Meteorologie – Teil 5: Meteorologie im Spätmittelalter an der Schwelle zur Renaissance

02.05. - Deutschlandwetter im April 2026

01.05. - Facettenreicher Schönwetterhimmel

30.04. - Geschichte der Meteorologie – Teil 4: Meteorologie im Früh- und Hochmittelalter

29.04. - Hoch WINFRIED bestimmt das Wetter – Umstellung zum Wochenende

28.04. - Einheitenchaos - Teil 3: Niederschlag

27.04. - Wettergötter und -propheten Teil 1: Wenn Petrus die Himmelspforte öffnet

26.04. - Hagelereignisse in Deutschland

25.04. - Hochdruck ohne Ende

24.04. - Wie Wetter Geschichte schrieb

23.04. - Flache Kaltluftschicht und große Tagesgänge

22.04. - Über Erhaltungsgrößen - und eine grell-bunte Animation

21.04. - Hoch ULI und die späten Nachtfröste

20.04. - Heftige Regenfälle im Osten und Nordosten

19.04. - Petrichor – Der Duft des Regens

18.04. - Einheitenchaos - Teil 2: Wind

17.04. - Der April auf Achterbahnfahrt!

16.04. - Geschichte der Meteorologie − Teil 3: Meteorologie der Spätantike sowie im europäischen Frühmittelalter

15.04. - Zwischen Hoch und Tief im meteorologischen Niemandsland

14.04. - Hinweise auf ungewöhnlich starken El-Niño im Laufe des Jahres