Verfolgt man in Funk und Fernsehen wĂ€hrend des Sommers die unterschiedlichen Berichterstattungen von Gewitterereignissen, dann fĂ€llt einem auf, dass mal der Starkregen, mal der Hagel oder der Wind oder gar alles zusammen fĂŒr entsprechende SchĂ€den verantwortlich gemacht werden kann. WĂ€hrend der letzten Wochen war das groĂe Thema der Starkregen mit den teils verheerenden Ăberschwemmungen, wobei die letzten Tage ĂŒber auch zunehmend der Wind und Hagelschlag in den Fokus rĂŒckten. Doch wieso kommt es zu solch unterschiedlichen Begleiterscheinungen?
Wochenende mit Unwetterpotential: Gewitter folgen Sonne auf dem FuĂe t.co/2nWzTl7z7V (Video) pic.twitter.com/pvkvlDLzgb
— n-tv (@ntvde) 25. Juni 2016
In der Vorhersage arbeiten wir mit der bereits hĂ€ufig genannten und beschriebenen Zutatenmethode. Hier wird aufgrund zahlreicher Parameter (respektive Zutaten) die Wahrscheinlichkeit fĂŒr das Auftreten und die IntensitĂ€t der Gewitter abgeschĂ€tzt und vorhergesagt. Die Zutaten umfassen die Luftfeuchte der unteren und mittleren TroposphĂ€re, denn nur in feuchter Luft kommt es zur Kondensation (Wolkenbildung) und letztendlich zum Niederschlag. AuĂerdem muss die Temperatur mit der Höhe abnehmen, damit ein aufsteigendes Luftpaket so lange wie möglich wĂ€rmer als die Umgebungsluft bleibt und somit aufgrund der geringeren Dichte weiter aufsteigt. Sollte dann auch noch ein Hebungsmechanismus vorhanden sein (wie z.B. eine Kaltfront oder ein Gebirge, wo die Luft gezwungen wird aufzusteigen), dann ist die Bildung eines Gewitters möglich.
Nun aber kommt der Wind ins Spiel. Er hat eine groĂe Bedeutung, wenn es darum geht, schwache Gewitter oder schwere Unwetter vorherzusagen. Der Parameter wird in der Meteorologie umgangssprachlich als "Windscherung" bezeichnet. Es ist sicherlich allgemein bekannt, dass der Wind mit der Höhe zunimmt. Das merkt man, wenn man z.B. auf einen exponierten HĂŒgel oder Berg steigt. Hier sorgt die fehlende Bodenreibung (u.a. das Fehlen zahlreicher Hindernisse wie BĂ€ume, HĂ€user etc.) dafĂŒr, dass der Wind bereits deutlich spĂŒrbarer weht. WĂŒrde man sich nun noch weiter von der ErdoberflĂ€che entfernen, dann wĂ€re das Resultat eine weitere Intensivierung des Windes. Eine Zunahme der Windgeschwindigkeit mit der Höhe wird als sogenannte "Geschwindigkeitsscherung" bezeichnet. Es gibt auch eine Richtungsscherung, wo der Wind also auch seine Richtung wechselt, doch diese lassen wir heute einmal auĂen vor.
Wie in der Grafik zu erkennen, kommt es nun unausweichlich zur Interaktion zwischen einer wachsenden Gewitterwolke und dem mit der Höhe zunehmenden Wind. Dabei sorgt der Wind unter anderem dafĂŒr, dass der Niederschlag bei krĂ€ftiger Höhenströmung in Windrichtung verfrachtet wird. Durch das Verfrachten des Niederschlags wird der Aufwind, wo warme und feuchte Luft in das Gewitter gesogen wird, vom Abwind, wo durch den Regen gekĂŒhlte Luft ausströmt, getrennt. Je ausgeprĂ€gter und lĂ€nger die Trennung von Auf- und Abwinden umgesetzt wird, desto lĂ€nger kann ein Gewitter leben.
Bei sehr schwacher Windscherung ziehen die Gewitter also nicht nur langsam, nein, sie haben auch meist keine lange Lebensdauer und weisen einen pulsierenden Charakter auf. Kaum ist ein Gewitter entstanden, sorgt die herabstĂŒrzende Luft im Abwind dafĂŒr, dass die Zufuhr der feuchten und warmen Luft unterbunden wird und das Gewitter stirbt. Wir haben es hier mit einer Einzelzelle zu tun. Wenn nun der Wind mit der Höhe zunimmt und es allmĂ€hlich zur Trennung von Auf- und Abwinden kommt, dann leben die Gewitter nicht nur lĂ€nger, sondern sie können sich auch besser organisieren. Hagel, der in den Wolken gebildet wird, kann zum Beispiel lĂ€nger anwachsen und entsprechend gröĂeren Schaden am Boden anrichten.
Wenn Sie also im Sommer an einem Tag, wo Gewitter vorhergesagt werden, zum Himmel schauen und sich die Zuggeschwindigkeit der unzĂ€hligen noch kleinen Haufenwolken anschauen, dann können Sie bereits abschĂ€tzen, ob in der Höhe ein starker Wind weht oder nicht. Sind die Haufenwolken mit der Höhe in Windrichtung geneigt, dann zeigt Ihnen die Natur eindrucksvoll, dass eine hohe Windscherung vorhanden ist und entsprechend die nun folgenden Gewitter von der krĂ€ftigeren Sorte hinsichtlich Hagelschlag und Wind sein können. Ist keine Windscherung zu erkennen, dann rĂŒckt dank langsamer Zuggeschwindigkeit besonders der Starkregen in den Vordergrund. Dies war auch in der vergangenen Nacht zum Samstag der Fall: Biberach 67 l/qm in 1 Stunde, Wutöschingen-Ofteringen 57 l/qm in 1 Stunde oder Freudenstadt 52 l/qm in 1 Stunde (alle Stationen in Baden-WĂŒrttemberg).
Wie so oft in der Meteorologie beschreibt das Gesagte die KomplexitÀt der Gewittervorhersage nicht vollstÀndig. Dennoch kann man sich ein bisschen besser auf das Bevorstehende einstellen und das in diesem Fall mit nur einem Blick in den sommerlichen Himmel.
Dipl.-Met. Helge Tuschy
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 25.06.2016
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