Am kommenden Mittwoch beginnt um 10:21 Uhr MESZ nun auch aus astronomischer Sicht der Herbst. Die beiden Tage, an denen der Herbst bzw. der FrĂŒhling beginnt, werden Ăquinoktien (von lat. aequus "gleich" und nox "Nacht") genannt. Wie der Name schon verrĂ€t, dauern lichter Tag und die Nacht ĂŒberall auf der Erde zumindest theoretisch gleich lang an.
Am Tage des Ăquinoktiums schneiden sich die Ekliptik der Sonne (deren scheinbare Umlaufbahn um die Erde) und der HimmelsĂ€quator (Schnittlinie der Ebene des ErdĂ€quators mit der gedachten Himmelskugel) im Herbst- bzw. FrĂŒhlingspunkt. Zum Ăquinoktium steht die Sonne mittags senkrecht ĂŒber dem Ăquator. Zur besseren Vorstellung finden Sie oben auch eine veranschaulichende Grafik. Die theoretische Tag-Nacht-Gleiche gilt, weil in der sphĂ€rischen Astronomie Himmelsobjekte vereinfacht betrachtet werden und die Ausdehnung der Sonnenscheibe ebenso wie EinflĂŒsse der AtmosphĂ€re unberĂŒcksichtigt bleiben. Da allerdings die ersten und letzten Sonnenstrahlen eines Tages vom oberen Rand der Sonnenscheibe ausgehen (und nicht von deren Mittelpunkt) und auf ihrem Weg durch die ErdatmosphĂ€re gebrochen werden, dauern der lichte Tag und die Nacht zum Herbstanfang (ebenso zum FrĂŒhlingsanfang) nicht exakt gleich lang an. Stattdessen ist die Nacht um elf Minuten kĂŒrzer. Der Kalendertag, an dem tatsĂ€chlich zwölf Stunden lichter Tag und zwölf Stunden Nacht herrscht, wird Equinox genannt. Dieser liegt fĂŒr den 50. Breitengrad (geografische Breite von Mainz) um den 17. MĂ€rz bzw. 26. September und ist somit um ein paar Tage in Richtung Wintersonnenwende verschoben.
FrĂŒher konnte man in der Schule lernen, dass der Herbstanfang ĂŒblicherweise auf den 23. September fĂ€llt. Bei Betrachtung des aktuellen sowie auch der zurĂŒckliegenden Jahre kann festgestellt werden, dass der Zeitpunkt der Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche mal am 22. und mal am 23. September lag. Aber warum ist das so? Nun, die Ursache ist darin zu finden, dass das Jahr nicht exakt 365 Tage umfasst, sondern im Mittel 365 Tage 5 Stunden 49 Minuten und 1 Sekunde hat. Das bedeutet also, dass jeder Herbstanfang auf eine um knapp sechs Stunden spĂ€tere Uhrzeit fĂ€llt als der vorhergehende (Schwankungen um den Mittelwert herum werden dabei unter anderem durch von anderen Planteten beeinflusste Erdbahnstörungen verursacht). Nach vier Jahren hĂ€tte sich der FrĂŒhlingsanfang demnach um knapp 24 Stunden nach hinten verschoben. Der julianische Kalender fĂŒhrte - wie bereits zuvor schon einmal ein Ă€gyptischer Kalender - alle vier Jahre einen Schalttag ein. Dieser Schalttag (heutzutage der 29. Februar) hat aber eine Ăberkompensierung zur Folge, da man um 24 Stunden korrigiert, aber der Herbstanfang nur ca. 23 Stunden 16 Minuten (4 mal 5 Stunden 49 Minuten) "wandert". Das bewirkt, dass der Herbstanfang (und natĂŒrlich auch der anderen JahreszeitenanfĂ€nge) nach einem Schaltjahrzyklus von vier Jahren langsam zu frĂŒheren Zeitpunkten hin verschoben wird. Mit dem gregorianischen Kalender wird diese Ăberkompensation ausgeglichen, indem in drei von vier Hunderterjahren kein Schalttag eingeschoben wird. So war das Jahr 2000 ein Schaltjahr, 2100 bis 2300 sind jedoch keine.
Ein Blick in die Historie sowie auch in die Zukunft zeigt sehr gut die Auswirkungen der Ăberkompensation des Schalttages: Anfang des 20. Jahrhunderts lag der Herbstbeginn in etwa gleich hĂ€ufig am 23. oder 24. September. Aber schon bald kam der 24. September als Herbstanfang immer seltener vor, zuletzt 1943 (unter der Annahme, es hĂ€tte damals schon die MitteleuropĂ€ische Sommerzeit gegeben). Im Jahr 1984 begann der Herbst erstmals wieder an einem 22. September. Dieses Datum nimmt seither immer mehr an HĂ€ufigkeit zu, im bisherigen Jahrhundert lag der Herbstanfang in fĂŒnf von 15 FĂ€llen am 22. September. Auch nĂ€chstes ĂŒber ĂŒbernĂ€chstes Jahr wird das der Fall sein. Das letzte Mal wird der Herbst im Jahre 2067 an einem 23. September beginnen - und das nur unter der Annahme, dass es die Sommerzeit dann noch gibt, Beginn ist nĂ€mlich um 00:20 Uhr MESZ. Anderenfalls findet der vorerst letzte 23er-Herbstbeginn im Jahr 2063 (um 01:07 Uhr MESZ/00:07 Uhr MEZ) statt. Wegen des im Jahre 2100 ausfallenden Schalttages (siehe oben) wird der Herbstanfang zu Beginn des 22. Jahrhunderts wieder zwischen dem 22. und 23. September pendeln.
M.SC. Stefan Bach mit Dipl.-Met. Lars KirchhĂŒbel
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 20.09.2015
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