Regen, Regen und noch mehr Regen. Man hört davon dieser Tage immer wieder und nun gipfeln die NiederschlĂ€ge nach dem Hochwasser im Saarland Mitte Mai gar erneut in eine ĂŒberregionale Unwetterlage in Teilen SĂŒd- und Ostdeutschlands. Ăber den Hintergrund, den Namen und die Auswirkungen dieser Wetterlage wurde bereits gestern ausfĂŒhrlich berichtet (Thema des Tages vom 30. Mai 2024).
Gehen wir zunĂ€chst einmal einige Zeitschritte zurĂŒck und versuchen zu verstehen, wie es ĂŒberhaupt zu dieser Ausgangslage kommen konnte. Die hier dargestellten Prozesse sind sehr komplex und dĂŒrften eigentlich auch nicht fĂŒr sich alleine betrachtet werden, dank umfangreicher Wechselwirkungen untereinander. Der Ăbersicht wegen und einfachheitshalber soll das fĂŒr dieses Thema des Tages jedoch ausreichen und wir betrachten dabei nur die NordhemisphĂ€re. Etwas ausfĂŒhrlicher wurde darauf in der DWD Mittelfrist vom 26. Mai eingegangen.
Der Grundstein fĂŒr unser heutiges Ereignis wurde, wenn man so möchte, indirekt bereits Anfang MĂ€rz 2024 gelegt. Auch zu dieser Zeit dominierte, wie im Winter eigentlich ĂŒblich, der fĂŒr diese Jahreszeit bekannte Polarwirbel in der StratosphĂ€re, ein riesiges Tiefdruckgebiet in groĂer Höhe ĂŒber dem Nordpol. Dieses schwĂ€cht sich zum FrĂŒhjahr ab und löst sich auf, nur um sich im darauffolgenden Herbst erneut zu bilden. Wieso aber interessiert uns der MĂ€rz 2024?
Anfang MĂ€rz 2024 erfolgte in der eigentlich eisig kalten StratosphĂ€re eine rasante und nachhaltige ErwĂ€rmung. Die ErwĂ€rmung fiel so krĂ€ftig aus, dass sich der Polarwirbel abschwĂ€chen konnte und der sonst von West nach Ost wehende Polarnachtjet seine Richtung Ă€nderte und vorĂŒbergehend von Osten her wehte. Dies ist ein nicht unbekannter Vorgang und wird in der Meteorologie als "groĂe StratosphĂ€renerwĂ€rmung" bezeichnet.
Nun kann man sich sicherlich die Frage stellen: was interessiert uns ein Vorgang, der sich vor mittlerweile fast 3 Monaten abgespielt hat? Dazu muss man wissen, dass die VorgĂ€nge in der StratosphĂ€re lange "nachhallen" und sich im Verlauf ihres Auftretens sukzessive immer weiter nach unten in Richtung TroposphĂ€re voranarbeiten können. Dieses sogenannte "Abtropfen" (wie Farbe, die bei einem GemĂ€lde allmĂ€hlich nach unten rinnt) kann in einigen FĂ€llen sogar Auswirkungen auf die TroposphĂ€re haben und sich ganz allgemein gesagt unter anderem durch eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit fĂŒr hoch im Norden ansetzende langlebige Hochdruckgebiete zeigen. Diese wirken wie ein Stein im Fluss und sorgen fĂŒr ein Auslenken der Höhenwinde u.a. nach SĂŒden: ausgeprĂ€gte und lĂ€nger anhaltende KaltluftausbrĂŒche sind durch diese Konstellation möglich, aber mit Nichten ein Garant!
In unserem Fall fand dieses Ereignis recht spĂ€t im Winter statt. Ăblicherweise findet das Abklingen des Polarwirbels in der StratosphĂ€re um den 12. April herum statt. In diesem Jahr trat das Ende des Wirbels aber erst Ende April ein (28. April) und der Polarwirbel konnte sich nicht mehr richtig erholen. Dieser Zustand kann nun auch nach dem Auflösen des Polarwirbels in der StratosphĂ€re bis weit ins FrĂŒhjahr nachhallen, denn was haben wir gehört: das GedĂ€chtnis der StratosphĂ€re ist ein groĂes. Somit war der NĂ€hrboden geschaffen fĂŒr weit nördlich ansetzende und langlebige bzw. stationĂ€re Hochdruckgebiete.
Dies hat sich in diesem FrĂŒhjahr eindrucksvoll bestĂ€tigt (siehe Bild 1). Wenn man die Abweichung des Geopotenzials in 500 hPa (grob gesagt der Druck in 5.5 km Höhe) fĂŒr den Zeitraum von Ende April bis Ende Mai 2024 aufzeichnet, fĂ€llt einem ein massives Hochdruckgebiet (eine Antizyklone) ĂŒber Skandinavien auf - ein sogenanntes "blockierendes Hochdruckgebiet". Sozusagen der letzte winterliche GruĂ des bereits geschiedenen Winters 2023/2024.
In dieser Jahreszeit sind Blockierungslagen nicht nur mit Blick auf regionale SpĂ€tfröste ein Thema (bestĂ€tigt durch den spĂ€twinterlichen Einbruch Mitte/Ende April 2024 in Deutschland mit zahlreichen FrostnĂ€chten), sondern auch mit Blick auf die Verlagerungsgeschwindigkeit der Tröge und Keile bzw. der diese begleitenden Tiefdruck- und Hochdruckgebiete. Auch jetzt gilt, dass sich die "Westautobahn" ĂŒber dem Nordatlantik und Europa mit solch einer Blockierung nicht richtig etablieren kann und wir langlebige und sich kaum verĂ€ndernde Druckmuster erwarten können. In diesem Fall mit tiefem Druck ĂŒber der Biskaya und hohem Luftdruck ĂŒber Skandinavien.
Solch eine Ausgangslage, die man dank der Entwicklungen auch schon recht frĂŒhzeitig mit Wahrscheinlichkeitsvorhersagen abschĂ€tzen kann, ist fĂŒr uns Meteorologen zu dieser Jahreszeit (FrĂŒhjahr, Sommer) immer mit möglichen Sorgen verbunden. Der tiefe Druck ĂŒber Westeuropa schaufelt auf seiner Vorderseite immer wieder feuchte Luftmassen nach Mitteleuropa und mit der richtigen Ăberlappung von Hebung und Feuchte kann es zu StarkregenfĂ€llen kommen - wie wir sie heute und in den kommenden Tagen erwarten.
Bild 2 dient als kleines Beispiel, dass die Historie uns schon oft gezeigt hat, wozu die AtmosphĂ€re bei solchen Konstellationen fĂ€hig ist. Im August 2010 sorgten verheerende Ăberschwemmungen u.a. in Ostdeutschland fĂŒr groĂe SchĂ€den (siehe Bericht des Landeshochwasserzentrums Sachsen zum Hochwasser 2010 und 2011). Im Vergleich zur zweiten MaihĂ€lfte 2024 erkennt man das grobe Grundmuster mit tiefem Geopotenzial ĂŒber Westeuropa und hohem ĂŒber Westrussland beziehungsweise Skandinavien. Aber bereits hier sieht der genaue Betrachter, dass es einige Unterschiede z.B. der Anomalieschwerpunkte gibt, die sich auch auf die Dauer und IntensitĂ€t eines Dauerregenereignisses auswirken können.
Sehen Sie also die Entwicklung in der StratosphĂ€re und deren Einfluss nur als ein RĂ€dchen im gesamten Getriebe an, das indirekt jedoch den NĂ€hrboden fĂŒr die nun anstehende Unwetterlage gelegt hat. Entscheidend sind unter anderem auch die AblĂ€ufe auf synoptisch-skaliger Ebene (Entwicklung der Tröge und Keile).
Die anderen RĂ€dchen sind nicht weniger interessant, können der Ăbersicht und VerstĂ€ndlichkeit halber aber nur kurz erwĂ€hnt werden: Auch aus den tropischen Bereichen gibt es sogenannte "telekonnektive Wechselwirkungen", die auf die Geopotenzialverteilung ĂŒber dem europĂ€ischen Sektor Einfluss haben können. In unserem aktuellen Fall wird dadurch zum Beispiel eine blockierende Antizyklone ĂŒber dem nordöstlichen Atlantik gestĂŒtzt - eben diese, die unseren Trog nach Mitteleuropa gefĂŒhrt hat und der nicht nach Norden ausweichen kann wegen dem AbschiedsgruĂ des winterlichen Polarwirbels in der StratosphĂ€re und dessen geförderte Blockierung im hohen Norden - hier ĂŒber Skandinavien.
Ist es nicht faszinierend, wie diese RĂ€dchen ineinandergreifen können und einem tendenziell eine AbschĂ€tzung ermöglichen, wie sich das Zirkulationsmuster auch lĂ€ngerfristig entwickeln kann? So auch in diesem Fall, denn es war schon seit April zu erkennen, dass es mit der Dominanz der blockierenden Antizyklonen nur eine Frage der Zeit sein wĂŒrde, bis alle RĂ€dchen perfekt ineinandergreifen und fĂŒr eine Hochwasserlage gut sein wĂŒrden. So geschehen vor wenigen Wochen im Saarland und so auch jetzt regional in Teilen SĂŒd- und Ostdeutschlands zu erwarten.
Die sicherlich nun aufkommende Frage der Auswirkungen auf den Sommer kann man hier leider nicht klÀren, doch das Signal aus der StratosphÀre sollte sukzessive abebben, sodass sich auch die Blockierungstendenzen (von dieser Seite aus) abschwÀchen sollten. Entsprechend variabel sind die subsaisonalen AbschÀtzungen, wobei ECMWF das Signal von Juni zu Juli 2024 verliert, wÀhrend es die Briten noch recht deutlich bis in den Juli 2024 mittragen.




