Das Auftreten von markanten Tauwetterlagen zu dieser Jahreszeit ist ein typisches zentrales Element der winterlichen und frĂŒhjĂ€hrlichen Hydrologie in Mitteleuropa. Solche Ereignisse können erhebliche Auswirkungen auf Abflussregime, Hochwassergefahr, Bodenfeuchte und Infrastruktur haben. Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen schmelzen und tauen. Schmilzt der Schnee nur, liegt der Taupunkt noch unter 0 Grad, die Feuchttemperatur und Lufttemperatur aber im positiven Bereich. Der Schnee geht dabei von der festen in den flĂŒssigen und gasförmigen Zustand. Der Tauprozess ist um einiges effektiver. Temperaturen und Taupunkt liegen dabei im positiven Bereich und der Schnee geht hauptsĂ€chlich in den flĂŒssigen Zustand ĂŒber. Um die Entstehung von markantem Tauwetter zu verstehen, mĂŒssen sowohl meteorologische Prozesse als auch Eigenschaften der Schneedecke â insbesondere ihr WasserĂ€quivalent â betrachtet werden.
Grundvoraussetzung fĂŒr intensives Tauwetter ist zunĂ€chst eine ausreichend mĂ€chtige Schneedecke. WĂ€hrend in den GebirgsrĂ€umen (vor allem inneralpin) in den letzten Tagen und Wochen noch einiges an Altschnee vorhanden war, kam am Donnerstag und Freitag vergangener Woche noch etwas Neuschnee sogar bis ins Flachland dazu. Der Schnee und die Schneedichte unterliegt im Laufe des Winters stĂ€ndigen Umwandlungsprozessen: Neuschnee mit geringer Dichte (oft 50â150 kg/mÂł) setzt sich durch Druck und Temperaturgradienten, Kristalle metamorphosieren, und die Dichte kann auf 300â500 kg/mÂł oder mehr ansteigen. Entscheidend fĂŒr das spĂ€tere Abflussgeschehen ist daher nicht nur die Schneehöhe, sondern vor allem das sogenannte WasserĂ€quivalent der Schneedecke.
Das WasserĂ€quivalent beschreibt jene Wassermenge, die frei wĂŒrde, wenn die gesamte Schneedecke vollstĂ€ndig taut. Es wird meist in Millimetern angegeben und entspricht damit direkt einer Niederschlagshöhe. Eine 50 cm hohe Schneedecke kann â je nach Dichte â beispielsweise nur 50 mm oder aber ĂŒber 200 mm WasserĂ€quivalent enthalten. FĂŒr die Hochwasservorhersage ist diese GröĂe daher wesentlich aussagekrĂ€ftiger als die reine Schneehöhe. Besonders kritisch sind daher Situationen, in denen sich ĂŒber Wochen hinweg ein hohes WasserĂ€quivalent aufgebaut hat und anschlieĂend rasch einsetzendes Tauwetter eintritt.
Meteorologisch wird markantes Tauwetter hĂ€ufig durch groĂrĂ€umige ZirkulationsĂ€nderungen ausgelöst. Typisch ist das Vordringen milder, feuchter Luftmassen aus sĂŒdwestlichen Richtungen im Zusammenhang mit Tiefdruckgebieten ĂŒber dem Nordatlantik oder Westeuropa. Die ausgeprĂ€gte West- oder SĂŒdwestlage der letzten Tage fĂŒhrte dazu, dass deutlich wĂ€rmere Luft herangefĂŒhrt wurde und die Temperaturen auch in höheren Lagen deutlich ĂŒber 0 °C stiegen.
Neben der Lufttemperatur spielen weitere EnergieflĂŒsse eine entscheidende Rolle. Die Schneeschmelze setzt ein, wenn die Energiebilanz an der SchneeoberflĂ€che positiv wird. Dazu tragen mehrere Komponenten bei. Zum einen die sensible oder auch fĂŒhlbare WĂ€rme genannt. Dies impliziert die direkte Ănderung der Temperatur durch Zufuhr von warmer Luft. Im Gegensatz dazu gibt es noch die latente (verborgene) WĂ€rme. Diese entsteht durch WĂ€rmefreisetzung bei Kondensation von Wasserdampf auf der kalten Schneedecke. Dieser Effekt ist bei feucht-milder Luft nicht zu unterschĂ€tzen. Des Weiteren kann sich die Strahlungsbilanz positiv auf die Temperatur der Schneedecke auswirken. Durch direkte oder, was in den letzten Tagen eher der Fall war, diffuse Einstrahlung erwĂ€rmt sich die OberflĂ€che. Gleichzeitig sorgte die geschlossene Wolkendecke nachts fĂŒr langwellige Gegenstrahlung und damit verringerte AuskĂŒhlung. Ein am Wochenende entscheidender Faktor fĂŒr die Schneeschmelze war und ist immer noch der zusĂ€tzliche Eintrag von relativ warmem Regen. Dieser sorgt nicht nur zusĂ€tzlich fĂŒr Wasser, sondern durch die relativ gesehen hohen Temperaturen des Regenwassers erhöht sich die Temperatur der zu schmelzenden Schneedecke umso schneller.
Gerade die Kombination aus milden Temperaturen und krĂ€ftigem Regen fĂŒhrte zu einer markanten und noch weiter anhaltenden Tauwetterlage. Seit Samstag und anhaltend bis Montagmittag muss in den Mittelgebirgen und den Alpen mit Abflussmengen zwischen 40 und 80 l/mÂČ in 60 Stunden gerechnet werden. (Die Schwellen fĂŒr markantes Tauwetter liegen bei 40 mm in 48 Stunden bzw. 60 l/mÂČ in 72 Stunden. Starkes Tauwetter (Unwetter!) tritt bei mehr als 60 l/mÂČ in 48 Stunden bzw. ĂŒber 90 l/mÂČ in 72 Stunden auf). Dabei wird das Schmelzwasser zum Niederschlag hinzuaddiert â abzĂŒglich Verdunstungs- und Speicherverluste.
Ein weiterer Aspekt ist die rĂ€umliche und zeitliche Gleichzeitigkeit der Schneeschmelze. In Gebirgsregionen setzt die Schneeschmelze normalerweise höhenabhĂ€ngig gestaffelt ein: ZunĂ€chst in Tallagen, spĂ€ter in mittleren Höhen und schlieĂlich im Hochgebirge. Markantes Tauwetter zeichnet sich jedoch oft dadurch aus, dass die Nullgradgrenze rasch auf groĂe Höhen ansteigt, wie es am gestrigen Samstag oder bereits schon in der Nacht zum Samstag geschehen ist. Die Nullgradgrenze stieg von 600-1000 m auf 1800 - 2500 m innerhalb von 24 Stunden. Dadurch beginnen weite Teile eines Einzugsgebietes nahezu gleichzeitig zu schmelzen bzw. tauen. Diese Synchronisierung verstĂ€rkt die Abflussspitzen in FlĂŒssen und BĂ€chen. In gesĂ€ttigten Böden oder bei gefrorenem Untergrund kann die Hochwassergefahr aufgrund geringer SpeicherkapazitĂ€t zudem erheblich steigen.
Das WasserĂ€quivalent der Schneedecke wird heute durch verschiedene Methoden erfasst. Klassisch erfolgen Schneebohrungen und WĂ€gungen im GelĂ€nde. ErgĂ€nzend kommen automatische Schneewaagen, Ultraschallsensoren zur Schneehöhenmessung in Kombination mit Dichtemodellen sowie Fernerkundungsverfahren zum Einsatz. In hydrologischen Modellen wird das WasserĂ€quivalent als zentrale ZustandsgröĂe gefĂŒhrt. Es erlaubt die Simulation, wie viel Wasser bei bestimmten Temperatur- und Niederschlagsszenarien freigesetzt wird.
Zusammenfassend entsteht markantes Tauwetter durch das Zusammenspiel einer energiereichen AtmosphĂ€re mit einer schneereichen Ausgangssituation. Entscheidend ist dabei nicht allein die sichtbare Schneehöhe, sondern vor allem das in der Schneedecke gespeicherte WasserĂ€quivalent. Es bestimmt maĂgeblich, welches Abflusspotenzial bei einsetzender Schmelze mobilisiert werden kann. Erst durch die Kombination aus meteorologischer Analyse und quantitativer Erfassung des WasserĂ€quivalents lĂ€sst sich das Risiko intensiver Abfluss- und Hochwasserereignisse realistisch einschĂ€tzen.
Aktuelle Informationen zur Abflussmenge, PegelstÀnden und Hochwassergefahren findet man in den jeweiligen Informationssystemen der Hochwasserzentralen der BundeslÀnder oder im Naturgefahrenportal.





