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28. Mai 2023 | M.Sc Thore Hansen ( Meteorologe)

Start der Hurrikansaison mit rekordwarmem Nordatlantik

Start der Hurrikansaison mit rekordwarmem Nordatlantik

Datum 28.05.2023

Tropische Wirbelstürme bilden sich über dem Nordatlantik gewöhnlicherweise von Anfang Juni bis Ende November. Kurz vor Start der diesjährigen Saison ist das Wasser der betreffenden Region rekordwarm. Was dies für die Bildung von Hurrikanen bedeutet und wieso El Niño seine „Finger“ im Spiel hat, beleuchtet das heutige Thema des Tages.

Seit Anfang März ist das oberflächennahe Wasser des Nordatlantiks zwischen dem Äquator und 60 Grad Nord sowie dem Null-Meridian und 80 Grad West so warm wie nie zuvor seit es Satellitenbeobachtungen (Start 1981) gibt. Nun ist es bei fortschreitender Erwärmung des Klimas und damit auch der Ozeane nicht überraschend, dass auch der Nordatlantik von Zeit zu Zeit neue Rekorde hinsichtlich der Temperatur erreicht. Doch die derzeitige Rekordphase ist in zweierlei Hinsicht außergewöhnlich. Zum einen ist es der Abstand zu den vorherigen Rekordhaltern (Abbildung 1). Es sind zwar nur einige Zehntel Grad Celsius, doch gemittelt auf solch eine große Fläche ist dies enorm. Zum anderen ist es die ungewöhnlich lange Andauer von mittlerweile knapp drei Monaten, in der die Temperatur über allen bisherigen Jahren liegt.


Jahresverlauf der flächengemittelten Temperatur für den Nordatlantik seit 1981. (Quelle https://climatereanalyzer.org/clim/sst_daily/)


Gründe für Erwärmung, Südteil des Atlantiks im Fokus

Neben der allgemeinen Erwärmung der Ozeane durch eine wärmere Troposphäre in Folge des Klimawandels hat wahrscheinlich ein sich wiederholende Großwetterlage über dem Nordatlantik eine Rolle für die hohen Temperaturen gespielt. Verschiebung von Hoch- und Tiefdruckgebieten führten zu vergleichsweise geringen Luftdruckgegensätzen über Teilen des Ozeans. Als Folge schwächten sich die beständigen Nordostwinde, auch Passatwinde genannt, über dem Südteil des Nordatlantiks ab. Geringere Windgeschwindigkeiten führen zu einem niedrigeren Seegang und dieser wiederum zu einer schwächeren Durchmischung des warmen Oberflächenwassers mit dem kälteren Tiefenwasser. Die Folge: steigende Meeresoberflächentemperatur.
Besonders hoch im Vergleich zum Klimamittel sind derzeit die Temperaturen des Ost- und Südteils des Nordatlantiks (Abbildung 2). Gebietsweise betragen die positiven Abweichungen dort mehr als drei Grad Celsius. Von besonderem Interesse ist der Südteil des Nordatlantiks. Dort liegt die Hauptentstehungsregion für tropische Wirbelstürme. Typischerweise ziehen im Sommer und Herbst Gewitterkomplexe vom afrikanischen Kontinent auf den südlichen Nordatlantik, wo sie sich bei günstigen Bedingungen auf ihrer Drift nach Westen zu tropischen Wirbelstürmen verstärken können.


Karte der Meeresoberflächentemperatur für den Südteil des Nordatlantiks. (Quelle https://coralreefwatch.noaa.gov/data_current/5km/v3.1_op/daily/png/ct5km_ssta_v3.1_nwel_current.png)


Entstehung tropischer Wirbelstürme

Ein entscheidender Parameter für die Bildung und Intensität von tropischen Wirbelstürmen ist die Meeresoberflächentemperatur des Ozeans. Die derzeit deutlich erhöhten Wassertemperaturen in der Hauptentstehungsregion sprechen also zunächst einmal für verbesserte Bedingungen für die Bildung dieser Stürme. Doch die Wassertemperatur ist nur ein Faktor. Weitere Faktoren sind Stabilität der Troposphäre (mehr Hochdruck) und vor allem die Stärke der vertikalen Windscherung, also sich in Intensität und Richtung ändernde Winde innerhalb der Troposphäre. Konkret: Eine wenig stabile Troposphäre und eine nur schwach ausgeprägte vertikale Windscherung sind förderlich für die Entstehung tropischer Wirbelstürme.
El Niño als Gegenspieler und Prognosen
Um die Aktivität der kommenden atlantischen Hurrikansaison abschätzen zu können, braucht es den Blick zum Pazifik. Dort findet gerade der Wechsel von La Niña zu El Niño www.dwd.de/.../glossar.html) statt. Großräumig ändern sich dort derzeit die Zirkulationsmuster in der Atmosphäre und die Meeresoberflächentemperatur des Ozeans. Dies hat auch Auswirkungen auf den Nordatlantik. Typischerweise verstärkt sich unter El Niño die vertikale Windscherung und atmosphärische Stabilität über dem Nordatlantik. Dies wäre hinderlich für die Bildung tropischer Wirbelstürme. Zum Start der Hurrikansaison gibt es Faktoren, die für und gegen eine schwache oder starke Saison sprechen. Eine Prognose ist somit besonders schwierig. Verschiedene Institute privater und staatlicher Natur versuchen sich Jahr für Jahr an einer Prognose. Dieses Jahr gehen die Schätzungen besonders weit auseinander und reichen von einer unterdurchschnittlichen bis weit überdurchschnittlichen Saison (Abbildung 3). Im langjährigen Schnitt sind sieben Hurrikane in einer Saison zu verzeichnen gewesen. Die National Oceanic and Atmospheric Adminstration (NOAA) mit ihrem National Hurricane Center (NHC) ist verantwortlich für die Warnungen vor tropischen Stürmen auf dem Nordatlantik und geht derzeit von einer durchschnittlichen Saison aus.


Prognosen verschiedener Institute zur Anzahl der Hurrikane über dem Nordatlantik für 2023. (Quelle https://seasonalhurricanepredictions.bsc.es/)



Wie viele Stürme es am Ende auch sein werden, bereits ein einzelner Hurrikan, der auf Land trifft, kann prägend für die gesamte Saison sein.



© Deutscher Wetterdienst

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