Social
Drucken
01. August 2020 |

Der Malojawind im Engadin: Ein verkehrter Wind

Der Malojawind im Engadin: Ein verkehrter Wind

Datum 01.08.2020

Das Engadin in der Schweiz ist aus vielerlei Gründen einen Besuch wert. Einer davon: Der Malojawind. Dieser besondere Wind bläst genau in die entgegengesetzte Richtung wie ein "normaler" Talwind. Wie kommt das?

Maloja: Ein 300 Seelen-Dörfchen im Schweizer Kanton Graubünden, gelegen zwischen dem Oberengadin und dem Bergell. Naturliebhabern, Wanderern, Wasser- und Wintersportlern ist der kleine Ort vielleicht ein Begriff als Ausgangspunkt zahlreicher Outdooraktivitäten mit traumhaftem Panorama, Hydrografen könnten ihn wegen des dort entspringenden Flusses "Inn" kennen und wieder andere durch die gleichnamige Sportmarke aus Oberbayern.

Vielen aber ist Maloja vermutlich nicht bekannt (worin auch die Idylle der Gegend begründet liegen könnte), obwohl dort ein außerordentlich interessantes meteorologisches Phänomen zu beobachten ist: Der sogenannte "Malojawind".


Zum Vergrößern bitte klicken


In der Schule haben wir gelernt: "Der Talwind bläst tagsüber talaufwärts und der Bergwind nachts talabwärts". Beim Malojawind ist es genau umgekehrt, anstatt talaufwärts, weht er tagsüber talabwärts. Was treibt den Wind, solche kuriosen Sachen zu machen? Der Grund liegt in der dortigen Topografie (siehe auch Grafik): Das Bergell steigt vom italienischen Ort Chiavenna bis Maloja von etwa 300 m auf 1800 m über dem Meeresspiegel an - auf einer Länge von gerade einmal 20 km. Die steilen Hänge des Bergells heizen sich am Morgen rasch auf, sodass über den Felsplatten des Malojapasses ein Wärmetief entsteht und ein ("normaler") Talwind einsetzt. Dieser ist oftmals so stark, dass er über den Malojapass schießt und seinen Weg im Oberengadin (das Richtung Berggell einen sehr niedrigen Talabschluss hat) talabwärts als Malojawind fortsetzt. Bei den dort liegenden Seen (Silsersee, Silvaplanersee, St. Moritzersee) treten mit dem Malojawind nicht selten Mittelwinde der Stärke 4-5 und Böen um 6 Bft auf; ein Mekka für Windsurfer, Kiter und Segler. Wanderern und Mountainbikern kann hingegen dank der "steifen Brise" je nach Fortbewegungsrichtung schneller als sonst die Puste ausgehen....

Der Motor des thermischen Windes ist die Sonne. Deshalb sind die Bedingungen vor allem in den Sommermonaten bei Hochdrucklagen am besten. Eine westliche bis südwestliche Höhenströmung verstärkt den Malojawind; nördliche bis südöstliche Windrichtungen wirken abschwächend.

Der interessierte Leser kann sich an dieser Stelle vielleicht fragen: "Gibt es denn gar keinen normalen Talwind im Oberengadin?". Die Antwort lautet: Doch! "Brüscha" wird dieser talaufwärts wehende Talwind genannt, doch hat er gegen seinen starken Maloja-Gegenwind keine Chance (Anmerkung: von Maloja nach Zernez sinkt das Oberengadin auf einer Strecke von 50 km nur um rund 350 m).

Falls Sie auch mal vor Ort sind und sich wundern, warum die Zelte auf der anderen Hangseite des Campingplatzes so stark im Wind flattern oder die Mountainbiker (zumindest die ohne E-Motor) so kräftig in die Pedale treten müssen bei einem Wind, der aus der "falschen" Richtung kommt - wissen Sie nun warum und werden merken: Alles ist besonders, auf diesem schönen Fleckchen Erde.

Dipl.-Met. Magdalena Bertelmann

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 01.08.2020

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

25.10. - Geschichte der Meteorologie − Teil 21: Meteorologie im 19. Jahrhundert (b)

24.10. - Tief Manja: Schnell unterwegs, nicht nur beim Wind, sondern auch in der Entwicklung

23.10. - Sturmtiefs im Doppelpack

22.10. - Teils immer noch sehr trockene Böden

21.10. - Wer hatte Recht?

20.10. - Kulinarisches im Herbst

19.10. - Geschichte der Meteorologie − Teil 20: Meteorologie im 19. Jahrhundert (a)

18.10. - Mission impossible

17.10. - Bunte Satellitenbilder zur Unterscheidung von Wolkentypen

16.10. - Es grünt so grün

15.10. - Kaltfront in Lauerstellung

14.10. - Verifikation von Wettermodellen - Teil 2

13.10. - Tropische Wirbelstürme und ihre Benennung - Teil 2

12.10. - Tropische Wirbelstürme und ihre Benennung - Teil 1

11.10. - Geschichte der Meteorologie − Teil 19: Übertragung meteorologischer Daten mit Telegraphie im 19. Jahrhundert

10.10. - Geschichte der Meteorologie − Teil 18: Aerologie im 18. und 19. Jahrhundert

09.10. - Herbstgewitter über der Nordsee – Das Meer als Gewittermotor

08.10. - Endlich Regen!

07.10. - Ist der Himmel wirklich blau?

06.10. - Niederschlagsdefizit - Was bringt der Wetterwechsel

05.10. - Wetterentwicklung

04.10. - Der dritte im Bunde - MTG-I2

03.10. - Navier-Stokes - ein (un)lösbares Problem?

02.10. - Deutschlandwetter im September 2026

01.10. - Regen nach Trockenheit - warum Böden das Wasser nur schlecht aufnehmen

30.09. - Die pazifische Hurrikansaison 2026: Auf Rekordjagd!

29.09. - Kunterbuntes zum Monatswechsel

28.09. - Halos - optische Erscheinungen am Himmel

27.09. - Tag der Flüsse

26.09. - Ungewöhnlicher warmer Altweibersommer