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09. November 2019 | Dipl.-Met. Magdalena Bertelmann

Ein ganz normaler Samstag

Ein ganz normaler Samstag

Datum 09.11.2019

Viele Menschen reagieren erstaunt, wenn sie hören, dass man als Meteorologe/-in im Schichtdienst tätig ist. "Wie, du arbeitest auch nachts? Und auch am Wochenende? Was macht ihr denn dann da?"

Für alle, die schon immer mal wissen wollten, was wir (außer dem Verfassen vom Thema des Tages) den lieben langen Tag so treiben, gibt es heute einen typischen Tagesablauf einer unserer Dienste, der sogenannten "Medienschicht" (und um eins vorwegzunehmen: diese ist zwar nicht rund um die Uhr besetzt, wohl aber an Wochenend- und Feiertagen).

Spätestens um 7 Uhr ist Dienstbeginn. Damit ist man aber nicht der erste im Büro, vier weitere Meteorologen + zwei Fachdienste tippen bereits seit einer Stunde (mehr oder weniger) munter in die Tasten. Jeder davon hat andere Aufgaben: Einer kümmert sich um die Warnguidance (eine Art Rahmenvorgabe für die Außenstellen, s.u.), einer um weltweites Wetter, wieder ein anderer um die mittelfristigen Vorhersagen (Tage 4-10) und einer ist "Chef" der ganzen Meute und hält die Fäden in der Hand. (Später kommen übrigens noch zwei weitere Dienste hinzu.)

Aber zurück zum Mediendienst, für den es nun gilt, keine Zeit zu verlieren: Rechner und Programme starten, die müden Augen über 10 Bildschirme gleiten lassen und sich so einen Überblick über die Wetterlage verschaffen. Getrödelt werden darf dabei nicht, denn um 7:30 Uhr muss der erste Bericht fürs Deutschlandradio raus mit einer kurzen Wettervorhersage für den aktuellen Tag.

Nach diesem morgendlichen Sprint wird sich weiter in die Wetterlage eingearbeitet und ein Wetterbericht für ganz Deutschland für die nächsten 3 Tage erstellt (zu lesen unter https://www.dwd.de/DE/wetter/vorhersage_aktuell/vhs_brd_node.html). Wer hier einen blumigen, kreativen Text erhofft, wird vermutlich enttäuscht: Die Wetterbeschreibung erfolgt recht nüchtern und sachlich, die Abfolge ist klar definiert mit Angaben zu Bewölkung, Niederschlag, Temperaturen und Wind.

Ist das geschafft, wollen die sozialen Netzwerke bedient werden. Vielleicht zeigt ja die DWD-Webcam auf der Zugspitze oder am Hamburger Hafen einen schönen Sonnenaufgang, der auf Facebook und Twitter gepostet werden kann? Immer wieder auffällig: Schöne Fotos oder einfache Grafiken bekommen deutlich mehr "Likes" als Erklärungen in Textform oder Infos zu Unwettern außerhalb der Landesgrenzen...

Wer um 8:30 Uhr immer noch nicht richtig wach ist, der bekommt durch das Klingeln des Telefons nochmal eine Chance; die morgendliche Telefonkonferenz zwischen dem Supervisor (dem oben erwähnten "Chef") und den DWD-Außenstellen in Hamburg, Potsdam, Leipzig, Essen, Stuttgart und München ruft. Während man sich als Medienmeteorologe sonst manchmal den Mund am Telefon fusselig redet, kann man sich bei der Konferenz für rund 15-30 Minuten als stiller Teilnehmer zurücklehnen und zuhören, welche Vorhersage- und Warnstrategie geplant ist. Es gilt, ein einheitliches Konzept zu entwickeln, schließlich kennt das Wetter keine Bundesländergrenzen.

Nächster Programmpunkt: "Thema des Tages". Dabei kann man sich entweder über das aktuelle Wetter hierzulande (oder in Timbuktu) auslassen - oder ein wissenschaftliches Phänomen oder Thema allgemeinverständlich aufbereiten (zugegebenermaßen passt das heutige Thema in keine der beiden Kategorien...). Wer treuer Leser unseres Tagesthemas ist, kann sich vielleicht vorstellen, dass insbesondere die wissenschaftlichen Themen durchaus auch längere Recherche- und Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen.

Die Tastatur ist mittlerweile schon warm und wird noch weiter zum Glühen gebracht, denn es steht nun der "Pressetext" an, der an die Deutsche Presseagentur (dpa) geht und von diversen Medien aufgegriffen wird. Hier kann der Medienmeteorologe seine kreative Schreibader voll ausleben, geht es in diesem Bericht doch um die Wetterentwicklung der nächsten Tage in einer bildlichen Sprache, die auch "Lieschen Müller von der Tankstelle" (wie unsere ehemalige Chefin zu sagen pflegte) versteht. Aus "es fällt Niederschlag mit mäßiger bis starker Intensität" wird dann "es schüttet wie aus Kübeln" oder "packen Sie den Regenschirm ein". Wer auch in den Genuss dieser literarischen Künste kommen möchte, kann den Pressetext kostenlos unter https://www.dwd.de/DE/service/newsletter/newsletter_node.html abonnieren.

Mit dem Versenden des Pressetextes um 11.30 Uhr macht sich spätestens jetzt ein kleines (oder auch größeres) Hüngerchen bemerkbar. Da die Kantine am Wochenende geschlossen ist, bleibt nur ein Besuch beim Revisionsverband der Westkaufgenossenschaften (auch bekannt als REWE), ein Anruf beim Pizzalieferdienst oder (für die ganz Wagemutigen) ein Gang nach Offenbach City.

Welche Wahl auch immer getroffen wurde, Völlerei sollte besser nicht betrieben werden - wenn man nicht unbedingt einen kugelrunden Bauch in die Kamera strecken möchte ;-) Der Videoclip wird täglich vom Medienmeteorologen mit Hilfe des Fachdienstes produziert. Bei ruhigen Wetterlagen dient er vor allem Übungszwecken, nur im Unwetterfall geht er raus in die weite (Internet)welt, zu Facebook, Twitter, YouTube und in die Warnwetter-App. Ganz auf die leichte Schulter sollten aber auch die Übungsclips nicht genommen werden, werden sie doch im Intranet des Verkehrsministeriums veröffentlicht - theoretisch könnte Herr Scheuer also sehen, wenn die morgendliche Kleiderwahl auf das Mickey Mouse T-Shirt fiel.

Das restliche Nachmittagsprogramm ist in der Regel entspannter. Dann heißt es den Vorhersagetext anzupassen, weitere Facebook- und Twitterposts zu schreiben und Kunden-Emails zu beantworten. Letztere gehen häufig um fotografierte Wetterphänomene, Wetteranfragen zum Hochzeitstag nächsten Sommer oder Beschwerden, dass das vorhergesagte Wetter nicht eingetroffen ist. Aber es sind für uns auch immer wieder spannende Fragen dabei, die mitunter auch im Kollegenkreis diskutiert werden.

Bisher noch gar nicht erwähnt, aber durchaus charakteristisch für den Mediendienst sind die Telefonate, die je nach Wetterlage (und politischen bzw. gesellschaftsrelevanten Neuigkeiten) in unterschiedlicher Anzahl vorkommen. Zeitungen, Radiosender und lokale Medien möchten wissen, wie das Wetter zum Sonntagsausflug wird, ob die Kälte aus den USA auch nach Deutschland kommt oder ob das heiße Wochenende schon der Klimawandel ist.

Und wenn es dann um 17:30 Uhr heißt "Feierabend!", ist der morgendliche Widerwille, das warme Bett gegen einen ledernen Bürostuhl einzutauschen (besonders wenn der Besuch der Stammkneipe am Vorabend doch länger ging als geplant) längst vergessen - und es bleibt vielmehr das Gefühl, einen abwechslungsreichen und vielseitigen Dienst in tollem Kollegenkreis vollendet zu haben.

Würden Sie unsere Arbeitsplätze gerne live sehen? Dann kommen Sie doch mal vorbei, am 16.05.2020 ist Tag der offenen Tür!



© Deutscher Wetterdienst

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