Der Tiefdruckkomplex "Reinhard" mit Kernen bei den Britischen Inseln und ĂŒber der Norwegischen See bescherte groĂen Teilen Deutschlands am gestrigen Donnerstag einen windigen bis stĂŒrmischen Tag. Gleichzeitig tobte der Wind im Norden Norwegens im Zusammenhang mit Tief "Ylva" teilweise in voller OrkanstĂ€rke. Betrachtet man die Bodenanalysekarte vom Donnerstag (siehe Abbildung), so stellt man fest, dass eigentlich ein und derselbe Tiefdruckkomplex fĂŒr beide WetterphĂ€nomene verantwortlich ist. Wie kann das sein?
In Deutschland vergibt seit 1954 das Institut fĂŒr Meteorologie der Freien UniversitĂ€t in Berlin diese Namen. ZunĂ€chst erhielten nur die Hochdruckgebiete mĂ€nnliche Vornamen, Tiefdruckgebiete erhielten entsprechend weibliche. Diese Praxis fĂŒhrte, da mit Hochdruckgebieten meist schönes Wetter verbunden ist, zu Protesten von FrauenverbĂ€nden. Seit 1998 wechseln daher die Hoch- und Tiefdruckgebiete im jĂ€hrlichen Turnus ihr "Geschlecht". In ungeraden Jahren (wie 2017) tragen die Hochdruckgebiete weibliche Vornamen, in geraden kommen die Herren zum Zug.
Im November 2002 wurde die Aktion "Wetterpate" ins Leben gerufen. Seit dieser Zeit kann man fĂŒr sich oder seinen NĂ€chsten die Patenschaft an einem Tief- oder Hochdruckgebiet erwerben. Im Gegenzug erhĂ€lt der Namenspate ausfĂŒhrliches Material, wie zum Beispiel Wetterkarten und eine Dokumentation der Lebensgeschichte des Druckgebildes. Das so eingenommene Geld kommt der FortfĂŒhrung der vollstĂ€ndigen Klimabeobachtung und der studentischen Wetterbeobachtung am Institut fĂŒr Meteorologie der FU Berlin (Station Berlin-Dahlem) zugute. Die Patenschaft fĂŒr Tiefdruckgebiete ist dabei billiger als fĂŒr Hochdruckgebiete. Das liegt daran, dass Tiefs meist kurzlebiger sind, vielleicht ist manch einer aber auch gekrĂ€nkt, wenn ihm ein Tief gewidmet wird. DafĂŒr sind es aber gerade Sturmtiefs, die in den Medien von sich reden machen. Ist das Alphabet einmal durchlaufen, fĂ€ngt man bei der Namensgebung wieder beim A an. Die Namen der Tiefdruckgebiete durchlaufen in der Regel vier- bis fĂŒnfmal pro Jahr das Alphabet, Hochdruckgebiete hingegen meist nur zweimal.
In anderen LĂ€ndern, wie eben beispielsweise in Norwegen, bekommen nur Tiefs, die fĂŒr (ĂŒberregionale) Unwetter sorgen, einen Namen. Dort entschloss sich das Meteorologische Institut (also der Wetterdienst) in Oslo 1995 dazu, Namenslisten anzufertigen, auf denen die Namen schon lang vorher festgelegt sind und nach und nach abgearbeitet werden, egal ob dazwischen ein Jahreswechsel liegt. Dabei kommt jeder Name nur einmal vor. Eine Patenschaft ist nicht möglich. Auch werden sie - anders als in Deutschland - der Ăffentlichkeit nicht im Vorfeld preisgegeben, sie stammen von einer geheimen Liste. Ăblicherweise werden kurze typische norwegische Vornamen verwendet, wie beispielsweise Ask, Edda, Leif, Sondre oder Tuva. Dabei werden die ohnehin im Norwegischen unĂŒblichen Buchstaben Q, W, X und Z, sowie die Sonderbuchstaben Ă, Ă und Ă ĂŒbersprungen. Fiktiv wĂŒrde auf Tief "Yngve" also Tief "Agda" folgen. FrauenverbĂ€nde werden ebenfalls nicht auf den Proteststand gerufen, denn die Sturmtiefs erhalten immer abwechselnd einen mĂ€nnlichen und einen weiblichen Vornamen. Ist man am Ende der Liste angelangt, wird eine neue angefertigt. Nachdem mit dem Unwetter "Ylva" der letzte zugelassene Buchstabe des aktuellen Durchlaufs erreicht ist, wird die Namensgebung vermutlich ab dem nĂ€chsten Unwettertief auf Basis einer (weiterhin geheimen) Liste erfolgen, zu der die norwegische Ăffentlichkeit beigetragen hat. Diese war nĂ€mlich im Jahr 2016 anlĂ€sslich des 150. JubilĂ€ums des Meteorologischen Instituts dazu aufgerufen, ihre NamensvorschlĂ€ge einzureichen. Diese sollten kurz (also keine Doppelnamen), einfach auszusprechen und neutral (bspw. keine königlichen Namen) sein.
Auch die beiden nordischen "Nachbarn" DĂ€nemark und Schweden vergeben Namen an Unwetter. In DĂ€nemark ist dies seit dem Herbst 2013 Praxis, wobei man Ă€hnliche Regeln wie in Norwegen hat. Der schwedische Wetterdienst ĂŒbernimmt in der Regel den Namen, der in DĂ€nemark oder in Norwegen verwendet wird, da das Wetter zumeist aus einer dieser Richtungen kommt. Sollte ein Unwetter nur Schweden betreffen, so wird dieses nach der Person benannt, die an diesem Tag Namenstag hat. Das erste Mal wurde dies am 28. Oktober 2013 mit dem Sturm "Simone" praktiziert.
Der Vorteil einer Namensgebung fĂŒr schadenstrĂ€chtige Tiefdruckgebiete liegt darin, dass dies die Kommunikation zwischen Wetterdiensten und Medien sowie den Katastrophenschutzbehörden erleichtert. Von Zeit zu Zeit kann die unterschiedliche Benennung der Tiefs fĂŒr die Ăffentlichkeit (mitunter auch fĂŒr die Wetterdienste selbst) verwirrend sein, wenn bspw. Orkan "Christian" (deutsche Namensgebung), der Ende Oktober 2013 schwere SchĂ€den in Teilen West-, Mittel- und Nordeuropas anrichtete, im Vereinigten Königreich "St Jude's Day Storm" und in Schweden "Simone" (vgl. oben) genannt wird.
M.Sc. Met. Stefan Bach
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 24.11.2017
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