Kein Sommer ohne Gewitter! Dabei gleicht keines dem anderen; vielmehr kommen sie in den verschiedensten AusprĂ€gungen vor. WĂ€hrend eine prĂ€zise Gewittervorhersage fĂŒr einen bestimmten Ort nahezu unmöglich ist, werden die fĂŒr Gewitter benötigten atmosphĂ€rischen "Zutaten" (z.B. Feuchte, Temperatur und Wind in unterschiedlichen Höhen) von den Wettermodellen heutzutage gut erfasst. Sie entscheiden ĂŒber die zu erwartenden Gewittertypen und ermöglichen es den Meteorologen, vorab Areale einzugrenzen, in denen mit Gewittern zu rechnen ist und welche Wettererscheinungen damit verbunden sein können.
Grundvoraussetzung fĂŒr Gewitter ist eine rasche Abnahme der Temperatur mit der Höhe. Man spricht dann von einer "labilen" AtmosphĂ€renschichtung. Im Sommer wird dieser Temperaturunterschied ĂŒblicherweise durch die starke Sonneneinstrahlung verursacht, die im Laufe eines Tages den Erdboden sowie die darĂŒber liegende Luft erwĂ€rmt. Im Winter ist es genau umgekehrt. Nicht die starke ErwĂ€rmung am Boden, sondern einflieĂende Kaltluft in der Höhe ist der Grund fĂŒr den starken vertikalen Temperaturunterschied und die dadurch verursachten Kaltluftgewitter. Ganz egal, wodurch diese TemperaturgegensĂ€tze entstanden sind, die AtmosphĂ€re ist danach bestrebt, diese mithilfe von Gewittern auszugleichen. ZunĂ€chst beginnt die warme bis heiĂe Luft, ausgehend von bodennahen AtmosphĂ€renschichten, in groĂe Höhen aufzusteigen. Ein sogenannter Aufwindbereich (engl. Updraft) als Ausgangspunkt einer jeden Gewitterzelle entsteht. Als Ausgleichsbewegung bildet sich im weiteren Verlauf ein Abwindbereich (engl. Downdraft), in dem die kĂŒhlere und damit schwerere Luft aus der oberen AtmosphĂ€re mit Regen im GepĂ€ck Richtung Boden strömt. Diese beiden vertikalen Luftbewegungen (Updraft und Downdraft) haben alle Gewitter gemeinsam.
Die sogenannte "Einzelzelle" ist die einfachste Gewitterform. Sie besteht nur aus einem einzigen Auf- und Abwindbereich und hat eine horizontale Ausdehnung von etwa zehn Kilometern. Einzelzellen entstehen meist in einem Bereich mit geringen horizontalen Luftdruck- und Temperaturunterschieden, also fernab von jeglichen Frontensystemen innerhalb einer homogenen Luftmasse. Daher bezeichnet man sie (im Sommer) in der Fachsprache auch als "Luftmassengewitter". Entscheidend ist dabei, dass der Wind in allen Höhen relativ schwach ist, sodass sich Einzelzellen nur sehr langsam bewegen oder sogar nahezu an Ort und Stelle verweilen.
ZunĂ€chst erwĂ€rmt die Sonne den Erdboden, der in der Folge auch die bodennahe Luft immer weiter aufheizt. Er fungiert Ă€hnlich einer Herdplatte, die von unten das Wasser in einem Kochtopf erwĂ€rmt. Angenommen, wir befinden uns ĂŒber flachem Terrain, dann steigen ab einer gewissen Temperatur, der sogenannten Auslösetemperatur, Warmluftblasen auf, vergleichbar mit den LuftblĂ€schen des zu kochen beginnenden Wassers. Wie im Kochtopf ist es quasi unmöglich, vorherzusagen, wo die ersten Luftblasen aufsteigen. Solange die AtmosphĂ€re labil geschichtet ist, erfĂ€hrt die aufsteigende Luft immer weiteren Auftrieb und durch deren Sogwirkung kann immer weiter Warmluft von unten nachströmen. Beim Aufstieg kĂŒhlt sich die Luft ab. Da kalte Luft weniger Wasser speichern kann als warme Luft, kondensiert der unsichtbare Wasserdampf zu Wassertropfen, wodurch anfangs eine noch harmlose Blumenkohl-förmige Cumuluswolke entsteht. Innerhalb von recht kurzer Zeit wĂ€chst diese aber weiter in die Höhe zu einer klassischen Gewitterwolke (Cumulonimbus) heran. Im Aufbaustadium fĂ€llt noch kein Niederschlag und die Gewitterwolke besteht nur aus dem Aufwindbereich (Updraft, siehe Abbildung), in dem die Warmluft mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 40 bis 80 km/h in die Höhe schieĂt. Im Reifestadium ist der Updraft voll entwickelt und die Wolke erreicht eine Höhe von mehr als acht Kilometern. Am Oberrand strömt die Luft horizontal aus, wodurch die Gewitterwolke ihre typische Ambossform (siehe Fotos) erhĂ€lt. Nach einer gewissen Zeit kann der Updraft die Niederschlagsteilchen nicht mehr schwebend halten, sodass sie zu Boden fallen und dabei die Luft mit nach unten reiĂen. Es formiert sich so der Abwindbereich (Downdraft), in dem auch der Regen fĂ€llt. Erreicht die Kaltluft des Downdrafts den Boden, flieĂt sie horizontal und symmetrisch zu allen Seiten aus. So schneidet die Kaltluft den Aufwindbereich vom Zustrom weiterer Warmluft am Boden ab, wodurch der Updraft zum Erliegen kommt. Damit schaufelt sich die Einzelzelle ihr eigenes Grab, weshalb sie nur eine Lebensdauer von weniger als einer Stunde besitzt. Im Auflösestadium existiert dann nur noch der Downdraft.
Sommerliche Einzelzellen sind meist klassische WĂ€rme- oder Hitzegewitter. Auch die im Winterhalbjahr beobachteten kurzen Kaltluftgewitter sind diesem Gewittertyp zuzuordnen. Sie sind unregelmĂ€Ăig in der Landschaft verteilt und treten bevorzugt am Nachmittag und Abend auf. Da sich die Luft entlang von BerghĂ€ngen schneller aufheizen kann als ĂŒber dem Flachland, kann die Luft entlang der BerghĂ€nge besonders leicht und frĂŒhzeitig aufzusteigen. Daher bilden sich im Sommer die ersten Gewitter hĂ€ufig ĂŒber den (Mittel-)Gebirgen. Einzelzellen sind lokal eng begrenzt von Starkregen begleitet. In krĂ€ftigen Zellen kann es auch zu kleinkörnigem Hagel und krĂ€ftigen Böen kommen.
Welche weiteren Gewitterformen es noch gibt, erfahren Sie demnÀchst an dieser Stelle.
Dr. rer. nat. Markus Ăbel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 04.07.2019
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