20:07 MESZ | 07.08.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
29. September 2018 |

"Medicane Zorbas" - Ein (sub)tropischer Sturm über dem Mittelmeer

"Medicane Zorbas" - Ein (sub)tropischer Sturm über dem Mittelmeer

Datum 29.09.2018

Während das Wetter in Deutschland ruhig ist, durchleben die Menschen in Griechenland gerade unruhige Stunden. Verantwortlich dafür: "Medicane Zorbas". Alle Infos dazu im heutigen Tagesthema.

Tropische Systeme wie Hurrikans und Taifune sind bei vielen bekannt. Besonders gut in Erinnerung ist sicherlich noch Hurrikan Florence (USA) und der Supertaifun Mangkhut (Philippinen und Hongkong), die erst in jüngster Vergangenheit Schlagzeilen gemacht haben. Aber auch über dem Mittelmeer können Stürme mit einem tropischen Charakter entstehen, man nennt sie dann Medicanes.


Zum Vergrößern bitte klicken


Der Begriff Medicane ist schon mehr als 30 Jahre alt und ist einfach eine Kombination aus zwei Wörtern -"mediterran" und "Hurricane". Etabliert hat sich dieser Begriff, als die ersten Satellitenbilder in den Achtzigerjahren tropisch anmutende Tiefdrucksysteme über dem Mittelmeer zeigten, die wie ein tropischer Wirbelsturm ein Auge im Zentrum ausbildeten.

Was unterscheidet einen Medicane eigentlich von einem "normalen" außertropischen Tiefdrucksystem mittlerer Breiten? Tiefdruckgebiete bilden sich normalerweise aufgrund von horizontalen Temperaturunterschieden zwischen den nördlichen und südlichen Breiten. Um die Unterschiede auszugleichen, bilden sich zwischen den beiden Systemen unsere bekannten Tiefdrucksysteme, die ein klassisches Frontensystem ausbilden. Warmfront und Kaltfront trennen dabei die verschiedenen Luftmassen. Tropische Systeme haben hingegen keinerlei Fronten. Stattdessen bildet sich ein warmer Kern, das heißt, im Zentrum des Tiefs ist die Temperatur in allen Höhenschichten wärmer, als in ihrer Umgebung. Damit ergibt sich auch die klassische zirkulare Erscheinungsform mit einem "Auge" - also einem wolkenfreien Zentrum.

Medicane stellen eine Art Mischform dar. Meist ist ihr Ursprung außertropisch, ehe sie später zunehmend tropische Eigenschaften erlangen. Wunderbar lässt sich dies am aktuellen Medicane "Zorbas" über dem Ionischen Meer erkennen, der am heutigen Samstag Griechenland bedroht.

Der Ausgangspunkt von "Zorbas" war ein Kaltluftvorstoß in das östliche Mittelmeer, der am Mittwoch stattgefunden hat. Ein damit in Verbindung stehendes Tief in höheren Luftschichten sorgte mit seiner Dynamik, aber auch in Verbindung mit der Höhenkaltluft, für die Ausbildung eines Bodentiefs vor der Libyschen Küste. Genau diese Kaltluft in der Höhe war es auch, die in Verbindung mit dem warmen Meerwasser zur Ausbildung von Schauern und Gewittern geführt hat. Die Wassertemperatur im Ionischen Meer liegt derzeit bei etwa 27 Grad. Diese Prozesse haben das Tief zusätzlich verstärkt. Der Ausgangspunkt für Medicane "Zorbas" war also außertropisch.

Mittlerweile hat "Zorbas" aber klar subtropische Züge angenommen. Erkennen lässt sich dies vor allem seiner Struktur. So liegt das Tief in der Höhe nun nahezu senkrecht oberhalb des Bodentiefs (senkrechte Achsenlage). Zudem ist die Höhenkaltluft verschwunden. Stattdessen lässt sich ein warmer Kern bis in die höheren Troposphärenschichten finden. Das Tief zeigt zudem eine zirkulare Struktur. Einzig ein Auge hat sich nicht ausbilden können.

Positiv für die Verstärkung in den letzten 24 Stunden war vor allem, dass die Unterschiede zwischen den Windgeschwindigkeiten in verschiedenen Luftschichten (vertikale Windscherung) nur gering waren. Eine geringe vertikale Windscherung hilft, eine gebündelte zirkulare Struktur zu erhalten. Wäre die Windscherung zu stark, würde es den Sturm "zerreißen" und ihn angreifbar machen für trockenere Luftmassen aus der Umgebung. Eine zu starke vertikale Windscherung schwächt den (sub)tropischen Sturm also.

Hilfreich ist zudem, dass das Meerwasser in dem sich "Zorbas" bewegt, wärmer als im langjährigen Durchschnitt ist. Die Wassertemperatur liegt mit etwa 27 Grad etwas unter den Schwellwerten für tropische Systeme und das warme Wasser hat auch nur eine geringe Ausdehnung. Es ist also nur die Oberfläche sehr warm. Gleichzeitig liegt aber auch die Temperatur in höheren Luftschichten niedriger, als über den Tropen. Damit sind auch etwas niedrigere Werte der Meeresoberflächentemperatur durchaus ausreichend um einen Subtropensturm wie "Zorbas" zu verstärken. Und wie geht es weiter? Der Medicane hat um sein etwas asymmetrisch aussehendes Zentrum zahlreiche Gewitterherde ausgebildet und wird im Laufe des heutigen Tages in eine neue Tiefdruckentwicklung eingebunden, die von Westen her übergreift. Das hat zur Folge, dass das System nordostwärts geführt wird und dabei Griechenland überquert, ehe es am Sonntag die Türkei erreichen wird. Ein Problem ist natürlich der Wind. Die stärksten Böen werden bei Landgang auf das Griechische Festland im Sturm- bis Orkanbereich vorhergesagt. Die Prognosen bewegen sich zwischen 100 und 130 km/h. Die Böen von "Zorbas" werden sich durch die Reibungsverluste aufgrund der Wechselwirkung mit dem Land bis zum Sonntag deutlich abschwächen. Ein weiteres sehr großes Problem stellt der Niederschlag dar. So werden über Teilen von Griechenland innerhalb von 24 h Mengen zwischen 200 und 500 l/qm vorhergesagt. Im Vergleich dazu: In Frankfurt am Main liegt die mittlere Jahresniederschlagssumme bei 650 l/qm.

Es ist also zu erwarten, dass Zorbas für sehr große Probleme in den betroffenen Regionen sorgen wird. Neben Windschäden, muss vor allem mit Überflutungen und Erdrutschen gerechnet werden. Im Laufe der weiteren Entwicklung wird sich der Medicane wieder in ein außertropisches Tief umwandeln und weiter nordostwärts ziehen.

Dipl.-Met. Marcus Beyer

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 29.09.2018

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

07.08. - Starke Bodentrockenheit

06.08. - Schweißtreibender QUIRIAKUS

05.08. - Noch ganz stabil? Atmosphärische Instabilitäten, Turbulenz und Klimawandel

04.08. - Wetter, Waldbrand, Wasserdurst

03.08. - Aktuelle Schwierigkeiten bei der Gewittervorhersage

02.08. - Deutschlandwetter im Juli 2026

01.08. - Geschichte der Meteorologie − Teil 12: Meteorologie um 1800 und zu Beginn des 19. Jahrhunderts

31.07. - Zwischenbilanz der Tornadosaison 2026

30.07. - Was ist eine Fallböe?

29.07. - Erst große Hitze, dann schwere Gewitter?

28.07. - Vegetationsbrände, Wetterextreme und globale Erwärmung

27.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 11: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (b) und um 1800

26.07. - Tag der Seenotrettung

25.07. - Gebietsweise anhaltende Trockenheit und neue Hitze

24.07. - Von Hunden und Erfrischungen

23.07. - Kühle Meeresbrise oder die „Land-Seewind-Zirkulation“

22.07. - Nordströmung hält die Hitze auf Abstand

21.07. - Zwischen Physik und Künstlicher Intelligenz – Wie KI die Wettervorhersage verändert

20.07. - Spanien - Olé

19.07. - Deutliches Nordost-Südwestgefälle bei der Temperatur

18.07. - Von Trockenheit und rekordniedrigen Wasserständen

17.07. - Warum ziehen die Gewitter immer an mir vorbei?

16.07. - Kleines Höhentief, große Wirkung – eine Gewitternachlese

15.07. - Vom Scheren und schweren Gewittern

14.07. - Vom Höhenei bis hin zu schweren Gewittern

13.07. - Wie lange hält die hochsommerliche Hitze an?

12.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 10: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (a)

11.07. - Supertaifun BAVI

10.07. - Trockenheit im Südwesten Deutschlands

09.07. - Neue Hitze im Südwesten