Um die Frage zu klären, inwiefern die warme Witterungsphase Anfang März die Vegetation vorangetrieben hat, widmen wir uns zunächst einem Teilbereich der Meteorologie: der Phänologie. Diese beschäftigt sich mit den jährlich wiederkehrenden, vom Wetter abhängigen Wachstums- und Entwicklungsstadien von Pflanzen. Solche Entwicklungsphasen werden von zahlreichen ehrenamtlichen Beobachtern erfasst und in einem phänologischen Kalender festgehalten. Dabei dienen bestimmte Zeigerpflanzen als Orientierung: So gilt die Blüte der Forsythie beispielsweise als typisches Merkmal für den Beginn des Erstfrühlings.
Die Ergebnisse dieser Beobachtungen lassen sich anschaulich in Form einer phänologischen Uhr darstellen. Diese zeigt den Verlauf der Natur im Jahreskreis anhand der verschiedenen phänologischen Jahreszeiten. Der äußere Kreis stellt den langjährigen Durchschnitt dar und zeigt, wann bestimmte Entwicklungsphasen normalerweise eintreten. Der innere Kreis bildet dagegen den tatsächlichen Verlauf eines konkreten Jahres ab. Durch den Vergleich beider Kreise lässt sich leicht erkennen, ob die Vegetation durch Kälteperioden verzögert oder durch milde Witterung beschleunigt wurde.
Die phänologische Uhr hilft auf diese Weise, die Auswirkungen ungewöhnlicher Wetterereignisse, wie etwa verspätete Kälte im Spätwinter, sichtbar zu machen und deren Einfluss auf das Pflanzenwachstum besser zu verstehen.
Man erkennt, dass die Haselblüte, die den Beginn des Vorfrühlings markiert, dieses Jahr im Mittel zwei Tage vor dem vieljährigen Mittel stattfand. Aufgrund der warmen Witterung wurde die Vegetation deutlich vorangetrieben, sodass die Forsythienblüte dort, wo sie bereits eingesetzt hat, im Mittel 8 Tage früher begann.
Da der Vegetationszustand jedoch maßgeblich von der Temperatur abhängt, soll hier ein anderer Ansatz gewählt werden. Die sogenannte Grünlandtemperatursumme ist eine spezielle Wärmesumme, die verwendet wird, um den nachhaltigen Vegetationsbeginn zu bestimmen. Zur Berechnung der Grünlandtemperatursumme werden alle positiven Tagesmitteltemperaturen seit Jahresbeginn addiert. Diese werden allerdings nach Monaten gewichtet. Das heißt, im Januar wird das Tagesmittel mit dem Faktor 0,5 multipliziert, im Februar mit 0,75 und ab März geht der volle Wert ein. Erreicht die Grünlandtemperatursumme die Grenze von über 200 Grad, gilt der nachhaltige Vegetationsbeginn als erreicht. In Mitteleuropa wird damit der Termin für das Einsetzen der Feldarbeit bestimmt. Man spricht dann auch vom Beginn des agrarmeteorologischen Frühlings, der häufig mit dem Beginn der Forsythienblüte zusammenfällt.
Die beigefügte Grafik zeigt die Entwicklung der Grünlandtemperatursumme im Frühjahr der vergangenen 38 Jahre in Frankfurt am Main. Die rote Kurve markiert den Mittelwert. Im Mittel werden 200 Grad am 11. März erreicht. In den meisten anderen Regionen Deutschlands ist es kühler, sodass dieses Datum entsprechend später liegt. Extrem hohe Werte traten beispielsweise in den Jahren 1994, 2007 und 2024 auf, als die Ergrünung bereits Ende Februar einsetzte. In den kalten Frühjahren 1996, 2006 und 2013 wurde die 200-Grad-Marke dagegen erst Anfang April erreicht.
In diesem Jahr (grüne Linie) lag die Grünlandtemperatur aufgrund des kalten Winters zunächst im unteren Drittel, holte aber ab Mitte Februar deutlich auf, stieg bis ins obere Drittel und sorgte dafür, dass die Vegetation zumindest in den wärmer gelegenen Regionen Deutschlands in diesem Jahr ziemlich früh nachhaltig einsetzte (in Frankfurt am 7. März). Derzeit ist die Vegetation in Frankfurt etwa eine Woche voraus, was auch zu den Beobachtungen der phänologischen Uhr passt. Der derzeitige Kaltlufteinbruch mit Nachtfrösten und Schnee im Bergland, der noch bis Ostern anhält, bremst die Vegetationsentwicklung allerdings deutlich aus. Dadurch schrumpft der derzeitige Vorsprung von etwa einer Woche und wir nähern uns wieder etwas dem Mittelwert.




