El-Niño wird das Auftreten ungewöhnlicher und unregelmäßig wiederkehrender Veränderungen der Meeresströmungen im ozeanografisch-meteorologischen System des äquatorialen Pazifiks genannt. Das Phänomen tritt in unregelmäßigen Abständen von durchschnittlich vier Jahren auf. Durch veränderte Zirkulationsmuster in der Atmosphäre ändern sich auch die oberflächennahen Meeresströmungen und es kommt großräumig zu höheren Meeresoberflächentemperaturen als im Normalzustand. Weiterführende Informationen zu El-Niño und seinem Gegenstück La-Niña finden Sie unter: Klimalexikon.
In der vergangenen Woche wurde El-Niño in einigen Medien zum Thema gemacht und tatsächlich liefern verschiedene Modelle deutliche Hinweise auf das Auftreten dieses Phänomens im Laufe des Jahres. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch die Komplexität der Datenlage. In Abbildung 1 sind für den September 2026 von verschiedenen Modellen die prognostizierten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur für den relevanten Teil des Pazifiks dargestellt. Für jedes Modell ist dann nochmal die Bandbreite innerhalb des Modells als Farbbereich aufgetragen. Ab +0,5 Grad Abweichung spricht man von einem El-Niño-Ereignis. Die meisten Modellergebnisse konzentrieren sich bei Anomalien um +2 Grad. Die Bandbreite reicht aber von -0,5 bis +4 Grad. Ab +2 Grad Abweichung spricht man von einem sehr starken El-Niño. Das Modell des Deutschen Wetterdienstes ist dabei ein eher "kühler" Vertreter mit Abweichungen um +1 Grad. Das Modell des Europäischen Zentrums für Mittelfristvorhersage (ECMWF) befindet sich mit etwa +2 Grad Abweichung im Mittelfeld der Modelle.
Die Signale für einen El-Niño sind sehr deutlich, für einen sehr starken El-Niño ungewöhnlich hoch. Doch wie sicher sind solche Prognosen eigentlich? Das ECMWF hat diesbezüglich einen Artikel veröffentlicht: ECWMF
In diesem Artikel wird auf die Unsicherheiten der Prognose eingegangen. Unter anderem wird auf die sogenannte "spring predictability barrier" verwiesen. Diese besagt, dass Änderungen des Klimasystems im Frühling schwieriger vorherzusagen sind als im Rest des Jahres. Erst ab Ende Mai oder Juni, wenn die Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre (z. B. schwächer werdende Passatwinde) deutlicher wird, steigt die Zuverlässigkeit der Prognosen.
Als eine Möglichkeit die Vorhersagekraft einzuordnen, wird der Vergleich vergangener Prognosen mit der Wirklichkeit genannt. In Abbildung 2 werden dazu die Prognosen vom 1. April 2023 und 2017 (rote Kurven) mit der Wirklichkeit (blaue Kurve) gegenübergestellt. 2023 lagen die Abweichungen im Herbst etwas höher als im Frühling simuliert. 2017 kam es entgegen der Simulationen nicht zu einem El-Niño, sondern zu einem schwachen La-Niña Ereignis.
Zusätzlich macht der voranschreitende Klimawandel die Prognosen komplexer. Nicht alle Prozesse und Wechselwirkungen im Klimasystem können perfekt dargestellt werden. Systematische Modellfehler könnten nichtlinear mit dem Klimawandel interagieren. Durch den allgemeinen Anstieg der Meerestemperaturen wird es schwieriger, einen "Normalzustand" zu definieren und Abweichungen davon zu berechnen. Im Hinblick auf die Auswirkungen von El-Niño könnte der Klimawandel zu anderen oder in der Intensität anderen Auswirkungen führen.
Zusammenfassung: Ein El-Niño-Ereignis ist wahrscheinlich, die Stärke noch sehr unsicher und der Klimawandel sorgt für zusätzliche Unsicherheiten in der Prognose eines solchen Ereignisses und im Hinblick auf mögliche Auswirkungen.



