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09. Oktober 2026 | MSc Sonja Hansen

Herbstgewitter über der Nordsee – Das Meer als Gewittermotor

Herbstgewitter über der Nordsee – Das Meer als Gewittermotor

Datum 09.10.2026

Heute und am Wochenende kommt es vor allem im Nordseeumfeld zu Gewittern, auch nachts. Über dem Festland hingegen sind nur ganz vereinzelt Gewitter zu erwarten, die zum Abend hin abklingen. Das ist vor allem im Herbst ein typisches Phänomen. Aber warum ist das so?

Für die Entstehung von Gewittern sind drei Zutaten entscheidend: Labilität, Feuchtigkeit und Hebung. In einer labil geschichteten Atmosphäre nimmt die Temperatur in der Höhe stärker ab als gewöhnlich. Dadurch kann wärmere, bodennahe Luft aufsteigen. Je größer der Temperaturunterschied zwischen den unteren und oberen Luftschichten ist, desto ausgeprägter ist die Labilität und desto kräftiger können die konvektiven Aufwinde werden. Damit steigt auch das Potenzial für eine energiereiche Gewitterentwicklung. (siehe beispielsweise Thema des Tages vom 13.08.2026).


Schematische Darstellung der Gewitterentwicklung über der Nordsee.


Der Herbst zeigt sich in Mitteleuropa von unterschiedlichen Seiten. Da ist zum einen der goldene Herbst mit Hochdruckwetter, viel Sonnenschein, kalten Nächten und angenehm warmen Tagen. Im weiteren Herbstverlauf, wenn die Nächte immer länger werden, dominieren unter Hochdruckeinfluss dagegen häufig Dauergrau, Nebel und Hochnebel. Doch der Herbst hat noch eine andere Seite: die Herbststürme.

Aktuell befindet sich Sturmtief GABRIELA bei Island. Das zugehörige Frontensystem hat den Nordwesten Deutschlands bereits erfasst und verlagert sich im weiteren Verlauf südostwärts in Richtung Alpen. Rückseitig der Kaltfront, die heute Abend die Nordseeküste erreicht, strömt mit kräftigem Wind kühle Polarluft ein. Über der vergleichsweise warmen Nordsee wird diese Luftmasse von unten erwärmt. Die bodennahen Luftschichten werden dadurch zunehmend labilisiert – die erste wichtige Zutat für kräftige Schauer und Gewitter ist vorhanden.

Die zweite Zutat, die Feuchtigkeit, scheint über dem Meer zunächst selbstverständlich. Doch gerade im Herbst kann die Nordsee besonders viel Feuchtigkeit an die Atmosphäre abgeben. Im Laufe des Frühjahrs und Sommers erwärmt sich das Wasser durch die Sonneneinstrahlung. Da Wasser eine hohe Wärmekapazität besitzt, speichert es die Wärme lange und gibt sie nur langsam wieder ab. So bleibt das Meer auch dann noch warm, wenn die Lufttemperaturen bereits deutlich zurückgehen. Im September 2026 lag die durchschnittliche Meerestemperatur der Nordsee besonders hoch: Sie befand sich etwa 1 bis 4 Grad über dem klimatologischen Mittel.


Aktuelle Meeresoberflächentemperaturen über der Nordsee und Anomalien der durchschnittlichen Wassertemperaturen im September 2026.


Zu guter Letzt braucht es noch einen Auslöser, der die feuchtwarme Luft zum Aufsteigen bringt. Diese Hebung kann auf unterschiedliche Weise entstehen. Zum einen sorgen dynamische Prozesse in der Atmosphäre für aufsteigende Luftbewegungen. So kann beispielsweise vor einem Höhentrog durch Divergenz in der Höhenströmung Hebung ausgelöst werden. Zum anderen können bodennahe Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Im Zusammenhang mit Gewittern über dem Meer ist hier insbesondere die Küstenkonvergenz zu nennen (siehe auch Thema des Tages vom 08.12.2020). Bei einer Konvergenz strömt Luft am Boden zusammen und wird dadurch zum Aufsteigen gezwungen. Auch bei Reibungsstau spricht man von Konvergenz. Dabei strömen Luftmassen nicht gegeneinander aber es trifft schnellere Luft auf langsamere. Über Land wird der Wind durch die größere Bodenreibung stärker abgebremst als über der vergleichsweise glatten Meeresoberfläche. Strömt die Luft vom Meer auf die Küste zu, kann sie sich deshalb im Küstenbereich stauen. Es entsteht eine Konvergenzlinie, die häufig parallel zum Küstenverlauf ausgerichtet ist. Besonders ausgeprägt kann dieser Effekt an Steilküsten sein, die direkt vom Wind angeströmt werden. Die erzwungene Hebung kann dort die Entwicklung von Schauern und Gewittern begünstigen.

Doch warum bleiben Gewitter über dem Meer auch nachts aktiv, während Gewitterzellen über Land nach Sonnenuntergang häufig an Intensität verlieren? Über Land kühlt die Erdoberfläche bei klarem Himmel rasch ab. Dadurch wird auch die bodennahe Luft kälter, und die Atmosphäre kann sich stabilisieren. Häufig bildet sich eine Bodeninversion, bei der die Temperatur mit der Höhe zunächst zunimmt. Die für kräftige Aufwinde notwendige bodennahe Labilität nimmt ab – eine wichtige Voraussetzung für die Gewitterentwicklung geht verloren.

Über dem Meer sieht das anders aus. Die Wasseroberfläche kühlt nachts deutlich langsamer ab als das Land. Ist die einströmende Luft kälter als das Meer, wird sie weiterhin von unten erwärmt. Die bodennahe Labilität bleibt erhalten, sodass sich auch nach Einbruch der Dunkelheit neue Schauer und Gewitter entwickeln können. Genau das ist in der kommenden Nacht zu erwarten. Die prognostizierten Radiosondenaufstiege für eine Station über dem Meer und für Schleswig an Land verdeutlichen diesen Unterschied.


Prognostizierter vertikaler Verlauf von Temperatur und Taupunkt von Westerland/Sylt und Schleswig.


In der kommenden Nacht zum Samstag und auch noch weiter am Wochenende sind alle Voraussetzungen für Herbstgewitter über der Nordsee gegeben. Die durch das Sturmtief bei Island bedingten kräftigen Winde werden durch die Gewitteraktivität zusätzlich verstärkt, sodass in der Umgebung von Gewittern Sturmböen bis 85 Kilometer pro Stunde auftreten können. Nachts verlagert sich die Gewitteraktivität von auch küstennahen Gebieten über dem Festland weiter in Richtung Inseln und offene See. Dann lassen sich am nächtlichen Himmel mit Blick von Küste zur See Wetterleuchten beobachten.


Prognose des signifikanten Wetters des ICON D2 Modells für den 10.10.2026 00 und 04 Uhr MESZ (Modell-Run: 09.10.2026 09 UTC).




© Deutscher Wetterdienst

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