19. Juni 2012 |
IVb
Sie finden, die Überschrift des "Thema des Tages" ist heute etwas
kryptisch? Stimmt, aber sie passt zur Wetterlage, genauer gesagt: Zur
Lage und zur Zugbahn des Tiefdruckgebietes, das gestern über
Norddeutschland hinweg zog.
Es war der Meteorologe Wilhelm Jacob van Bebber (1841 - 1909), der es
sich zur Aufgabe machte, die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete über
Europa zu untersuchen. Noch heute erscheint ein solches Unterfangen
mit erheblichem Aufwand verbunden - zur damaligen Zeit aber kann man
es getrost als "sisyphusiesk" bezeichnen.
Ein meteorologisches Messnetz, gegen das ein Schweizer Käse wie ein
Zementblock wirkt, Datenübertragung mit der Thurn- und Taxisschen
Reiterpost und eine politische Landkarte, in der vielen Staaten und
vor allem Kleinstaaten Nehmen seliger denn Geben war - all das machte
eine Arbeit, die auf Kooperation und Informationsaustausch fußte,
sicher nicht einfach.
Dennoch: Van Bebber konnte für den Zeitraum von 1876 bis 1880 die
Zyklonenbahnen, wie er sie nannte, zu 5 Hauptgruppen zusammenfassen.
Diese bezeichnete er mit den römischen Ziffern von I bis IV.
Abzweige, die sich im späteren Verlauf der Zyklonenbahnen ergaben,
wurden mit Kleinbuchstaben von a bis d bezeichnet. Darüber hinaus
wurde nach Jahreszeiten und Monaten unterschieden. (Die Abbildung
zeigt seine Ergebnisse - etwas
aufbereitet - für den Monat Juni. Sie entstammt einem Original der
Meteorologischen Zeitung von 1891. Dafür ein "Danke" an die Kollegen
aus der deutschen Meteorologischen Bibliothek hier im Hause).
Die von van Bebber als IVb (sprich vier B) beschriebene Zugbahn, die
auch in der Überschrift Erwähnung fand, ist dabei diejenige, auf der
sich am gestrigen Nachmittag das Tiefdruckgebiet über Norddeutschland
befand. Und wer die aktuelle Wetterlage genau verfolgt hat, hat schon
festgestellt, dass unser kleines Tief auch tatsächlich über
Frankreich entstanden und dann nach Nordosten gezogen ist. Sind die
Zugbahnen also ein einfaches, aber viel versprechendes Mittel in der
Wettervorhersage?
Sie werden ahnen, dass es nicht so ist - sonst wären diese Zugbahnen
heute in aller Munde. So ist inzwischen auch unser Tief "von der
rechten (Zug-)Bahn" abgekommen. Es liegt auf der Ostsee vor der Küste
Estlands, und ist mitnichten nach Norden abgedreht.
Aber auch die Schlussfolgerung, dass van Bebbers Arbeit heute
komplett in den Mülleimer der wissenschaftlichen Forschung gehört,
stimmt nicht wirklich. Der Blick auf die Karte zeigt eine Zugbahn,
die von Italien in Richtung Osteuropa und weiter ins Baltikum
verläuft. Von dieser als Vb (sprich fünf B) bezeichneten Zugbahn hört
man auch in unserer Zeit noch häufiger, allerdings als
Vb-"Wetterlage". Sie bezeichnet eine Situation, die speziell im Osten
Deutschlands teils heftige Niederschläge bringt.
Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 19.06.2012
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