Facebook Twitter
17. Februar 2024 | Dipl.-Met. Robert Hausen

Julianenflut

Julianenflut

Datum 17.02.2024

Der 17. Februar ist gerade an der Nordseeküste historisch negativ belastet. Wieso, weshalb, warum? Das beleuchten wir heute einmal genauer.

Winterzeit ist Sturmzeit. Das liegt daran, dass sich zum Winterhalbjahr mit abnehmendem Sonnenstand in der Regel starke Temperaturgegensätze zwischen polaren Breiten und den Subtropen aufbauen. Die Natur ist nun bestrebt, mit der Entstehung von Tiefdruckgebieten, die auf der Vorderseite die milden Luftmassen polwärts und rückseitig die kalten Luftmassen südwärts zu transportieren und damit die Gegensätze auszugleichen. Ansonsten würden die Tropen schlicht "überhitzen" und die Arktis immer kälter werden. Unter Berücksichtigung des Klimawandels gilt das noch immer, wenngleich aus Prognostikerperspektive jüngst häufiger zu beobachten ist, dass sich die Qualität der Luftmassen zur wärmeren Seite verschieben (Kaltluft arktischen Ursprungs ist seltener involviert) und die Zugbahnen der Zyklonen brechen seltener weit nach Süden Richtung Mittelmeer aus. Für die aktuell deutlich zu milde Witterung mit einem überaus aktiven Atlantik, auf dem sich zahlreiche Tiefdruckgebiete tummeln, ist die Sturmneigung an den Deutschen Küsten derzeit überraschend gering.


Juliana von Nikomedia (Quelle Wikipedia)
Juliana von Nikomedia (Quelle Wikipedia)


Dass es an einem 17. Februar auch deutlich anders geht, verrät ein Blick in die Geschichtsbücher. Im Jahre 1164 - und damit vor ziemlich genau 860 Jahren - ereignete sich die erste, konkret überlieferte Sturmflut an der Deutschen Nordseeküste. Sie ging als sogenannte "Julianenflut" in die Geschichtsbücher ein. Der Name rührt daher, dass der 16. Februar, an dem das Ereignis begann, der Namenstag der Heiligen Juliana von Nikomedia, dem heutigen Izmit bei Istanbul. Als Heilige und Märtyrin der frühen Kirche erlitt sie das Martyrium im Jahre 304. Aufgewachsen in einer heidnischen Familie, die von Religion nicht wissen wollte, wurde sie als bekennende Christin schließlich vom eigenen Vater den Christenverfolgern unter den Kaisern Diokletian und Maximian ausgeliefert und enthauptet nachdem sie die Folter ertragen hatte. Die Verehrung der Heiligen Juliana war im Mittelalter weit verbreitet, besonders in den Niederlanden. Zu dieser Zeit wurde sie Patronin bei Entbindungen und Krankheit.

Im Mittelalter wurden schwere Sturmfluten üblicherweise von klerikalen Würdenträgern beschrieben und von diesen nach dem jeweiligen Tagesheiligen benannt. Damalige Chronisten berichteten übereinstimmend von etwa 20000 Opfern! Auch der Pfarrer Helmold von Bosau/Holstein erwähnt in seiner zwischen 1163 und 1168 entstandenen "Chronica Slavorum" (Slawenchronik) die hohe Opferzahl. Bis ins ferne Köln sprach sich die Nachricht herum. Die Annalen des am Harz gelegenen Klosters Pöhlde berichten darüber. Dazu seien etliche tausend Nutztiere qualvoll verendet. Ganze Küstengebiete in Friesland und die bis 1932 als Kreis geführte historische Landschaft Hadeln an der unteren Elbe wurden überschwemmt. Im Mündungsgebiet der Jade und der Maade bildeten sich erste Einbrüche, eine Art Vorstufe zum heutigen Jadebusen.

Trotz des um 1100 schon weit vorangeschrittenen Deichbaus an der Küste, konnten die Dämme den Wassermassen nicht standhalten. An vielen Stellen brachen diese, so dass das Wasser ungeschützt ins Hinterland eindringen und zahlreiche Häuser, Stallungen und ganze Ortschaften zerstörten konnte.

Die Julianenflut blieb in Friesland lange unvergessen. Noch 55 Jahre später erwähnte sie der Mönch Emo von Wittewierum. Sein Bericht über die Marcellusflut von 1219 ist die älteste überlieferte Schilderung einer Hochwasserkatastrophe durch einen Augenzeugen: "O Kummer und Betrübnis, zu sehen, wie die Menschen in den Fluten hin und hergeworfen wurden, als wären sie Meeresgetier. Bei dieser Sintflut sind tausende Männer, Frauen und Kinder untergegangen und auch Kirchen sind zerstört worden." Erst nach 1200 schützte eine durchgehende Deichlinie die Küsten zwischen Westfriesland und Dänemark. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass immer wieder ganze Landstriche in den Fluten versanken.

Wie es der Zufall wollte, brach die Große Sturmflut von 1962 ebenfalls an einem 17. Februar über die deutsche Nordseeküste herein. Insgesamt gab es dabei 340 Todesopfer, davon 315 in Hamburg, das außergewöhnlich schwer betroffen war. Der Pegel in St. Pauli stieg auf 5,70 Meter über Normalnull, so hoch wie nie zuvor. Hamburgs Binnendeiche brachen an 60 Stellen, 200 Millionen Kubikmeter Wasser überfluteten Marschen und tiefer liegende Stadtviertel. Ein Sechstel Hamburgs meldete: Land unter! Marode, technisch veraltete und zu niedrige, an den Hochwasserpegeln des 19. Jahrhunderts bemessene Deiche waren die Ursache für die Katastrophe. Seitdem ist viel passiert, wurde das Küstenschutzkonzept neu ausgerichtet. Heutzutage sind die Deiche stabiler und höher, einen 100-prozentigen Schutz können aber auch sie nicht garantieren.


Sturmflut 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg, Vogelhüttendeich 69 / Ecke Ilenbrook, fotografiert von Gerhard Pietsch (Quelle Wikipedia)
Sturmflut 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg, Vogelhüttendeich 69 / Ecke Ilenbrook, fotografiert von Gerhard Pietsch (Quelle Wikipedia)



Ein derart schweres Sturmereignis droht in den kommenden Tagen glücklicherweise nicht. Zwar ist es an der Nordsee jahreszeitenüblich zeitweise sehr windig, von wahrhaftig stürmischen Zeiten kann aber keine Rede sein. Erst zur Mitte der nächsten Woche könnte sich ein (voraussichtlich kleineres) Sturmevent anbahnen, dann aber mit Winden aus südlichen Richtungen und damit für den Großteil der Nordseeküste weniger dramatisch. Ein derart schweres Sturmereignis droht in den kommenden Tagen glücklicherweise nicht. Zwar ist es an der Nordsee jahreszeitenüblich zeitweise sehr windig, von wahrhaftig stürmischen Zeiten kann aber keine Rede sein. Erst zur Mitte der nächsten Woche könnte sich ein (voraussichtlich kleineres) Sturmevent anbahnen, dann aber mit Winden aus südlichen Richtungen und damit für den Großteil der Nordseeküste weniger dramatisch.  




© Deutscher Wetterdienst