17:51 MESZ | 08.04.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
10. Januar 2021 |

Plötzliche Stratosphärenerwärmung, was nun?

Plötzliche Stratosphärenerwärmung, was nun?

Datum 10.01.2021

Am 05./06.01.2021 fand ein so genanntes "major sudden stratospheric warming statt"(SSW). Was sich dahinter verbirgt und wie es dazu kam, soll im heutigen Tagesthema beleuchtet werden. Ebenso sollen die potenziellen Auswirkungen für die Mittel- und Langfristvorhersage kurz erwähnt werden.

Eine plötzliche Stratosphärenerwärmung tritt statistisch gesehen alle zwei Jahre im nordhemisphärischen Winter auf. Per Definition spricht man von einem "major sudden stratospheric warming" oder einer markanten plötzlichen Stratosphärenerwärmung, wenn neben einem starken Temperaturanstieg in der oberen Stratosphäre über dem Nordpol (siehe Grafik) der westliche Wind (zonal gemittelt, also auf einem Breitengrad zirkumpolar) in 10 hPa (in etwa 31 km Höhe) und 60 Grad Nord komplett auf Ostwind dreht, also reversiert. Ein "minor stratospheric warming" (schwächeres Ereignis) geht ebenso mit einer markanten Temperaturerhöhung in der polaren oberen Stratosphäre, allerdings nicht mit einer kompletten Windumkehr, einher. Hintergrund dieser Definition ist eine markante Schwächung des stratosphärischen Polarwirbels, die eine großräumige Veränderung auch troposphärischer Zirkulationsmuster nach sich zieht.



Wie kam es nun zu diesem Ereignis? Die Frage scheint angesichts der Ausgangsbedingungen nicht fehl am Platz zu sein. Haben wir doch seit geraumer Zeit ein veritables "La Nina"-Ereignis (Kaltphase der ENSO-Zirkulation (siehe Link Wetterlexikon) im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik). In der Fachliteratur kann man nachlesen, dass bei "La Nina"-Ereignissen normalerweise der stratosphärische Polarwirbel nicht so stark gestört wird wie bei EL Nino-Ereignissen. Hintergrund ist hier der bei La Nina verringerte Wellenfluss (Wärme- und Impulsflüsse) in die bzw. in der Stratosphäre. Mit "La Nina" in Zusammenhang steht auch die pazifische Zirkulation, d.h. grob gesagt hoher Luftdruck über dem Nordpazifik, der wiederum das mehr oder weniger persistente Aleutentief schwächt. Soweit zur Theorie. Was wir so ab Mitte/ Ende Dezember 2020 erlebt haben, war neben deutlich zu hohen Meeresoberflächentemperaturen im westlichen und nordwestlichen Nordpazifik ein ungewöhnlich starkes Hoch mit eisigen Temperaturen über dem östlichen Sibirien/ der Mongolei. Diese explosive Mischung der Temperaturkontraste führte dann zu einer erheblichen Stärkung des Aleutentiefs (siehe auch Details dazu im Thema des Tages am 14.01.2010 von Helge Tuschy).

Eins vergleichbar starkes Aleutentief findet man normalerweise in "EL Nino"-Jahren. Auf dessen Vorderseite werden starke Wärmeflüsse meridional und vor allem vertikal in die Stratosphäre übertragen. Diese Kopplung ist allerdings nur im Winterhalbjahr möglich, da dann sowohl in der Troposphäre als auch in der Stratosphäre der mittleren und hohen Breiten Westwinde vorherrschen und so die Wellenflüsse miteinander interferieren (sich überlagern) können. Das führt in jedem Fall zu einer Schwächung des stratosphärischen Polarwirbels (SPV), da Wellenenergie auch in Wärmeenergie umgewandelt wird (d.h. der im Grunde "kalte" Polarwirbel wird erwärmt). In unserem Fall entsteht durch die stratosphärische Erwärmung ein Gebiet hohen Luftdrucks in der Stratosphäre (auf der pazifischen Seite). Idealerweise wird der SPV auch von der atlantischen Seite gestört. Dann kommt es zum klassischen "Split" (Auseinanderbrechen) des SPV.

Beim diesjährigen SSW geht man eher von einer Mischform zwischen "Displacement" (Verschiebung) des SPV vom Pazifik her und einem Split aus, zumal ein erneutes "Warming" mit erneuter Windumkehr (60 Grad N, 10 hPa) zur Monatsmitte prognostiziert wird. Alles in allem sieht es bei dem diesjährigen Ereignis nach einer nachhaltigen Störung bzw. Schwächung des SPV aus, womit wir schon bei den Auswirkungen sind, die uns erwarten.

Hier soll nur kurz darauf eingegangen werden, im TdT vom 14.01.2021 wird es dann konkreter.

Auf jeden Fall setzt sich die Störung mit der Zeit dynamisch von der Stratosphäre bis in die Troposphäre durch (klassisch geprägt durch hohen Luftdruck über der Arktis). Damit einher geht ein deutlich negativer Index der Arktischen und Nordatlantischen Oszillation (AO bzw. NAO, siehe Link Wetterlexikon), wobei durch die Windumkehr bei vermehrt meridionalen Strömungsmustern arktische Luftmassen weit nach Süden vordringen. Die Fachliteratur beschreibt hierbei Eurasien gegenüber Nordamerika als bevorzugt beeinflusste Region.

Prinzipiell sind SSW-Ereignisse mittlerweile relativ gut durch die Wettermodelle vorhersagbar (auch in der Mittelfrist, da die Modelle bis in die Stratosphäre hinauf relativ gut aufgelöst rechnen). Probleme bestehen allerdings weiterhin bei der dynamischen Kopplung Stratosphäre - Troposphäre einerseits und bei der Zuordnung zu möglichen troposphärischen Strömungsmustern andererseits. Letztere weisen doch eine ziemliche Variabilität auf. Hier könnte die Statistik bei nun besserer und systematischer Erfassung der Ereignisse in der Zukunft erheblich weiterhelfen. Ein anderes Problem ist die zeitliche Einordnung der Auswirkungen, stellen sich doch die troposphärischen Muster meist erst nach etwa 10 bis 15 Tagen nach dem Ereignis um.

Zu guter Letzt soll noch erwähnt werden, dass der Einfluss eines SSW-Ereignisses sogar zwei Monate oder länger auf die Troposphäre anhalten kann. Da wären wir fast schon bei saisonaler Wettervorhersage angelangt.

Dr. rer. nat. Jens Bonewitz

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 10.01.2021

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

08.04. - Hana-Matsuri

07.04. - Einheitenchaos - Teil 1: Temperatur

06.04. - Start in die neue Woche: Freundlich und im Prinzip störungsfrei

05.04. - Geschichte der Meteorologie − Teil 2: Meteorologie im letzten Jahrtausend vor der christlichen Zeitenwende

04.04. - Warum ist der Himmel blau? – Und was hat die Luftfeuchtigkeit damit zu tun?

03.04. - Geschichte der Meteorologie − Teil 1: Von den Anfängen zur Meteorologie in den verschiedenen Hochkulturen des Altertums

02.04. - Deutschlandwetter im März 2026

01.04. - DWD trifft auf Filmlegende!

31.03. - Polynjen - besondere Orte in polaren Gebieten

30.03. - Das "Aprilwetter"

29.03. - Blick in die Karwoche

28.03. - Wie weit fortgeschritten ist die Vegetation?

27.03. - Was ist das für ein Theater?!

26.03. - Wie trocken ist es in Deutschland?

25.03. - Genormt bis unters Dach: Die Standardatmosphäre

24.03. - Harry Houdini

23.03. - Auf Bilderbuchfrühling folgt jäher Absturz

22.03. - Die Vegetationsbrandgefahr im Frühjahr

21.03. - Geografie und Topografie

20.03. - Hitzewelle in den USA erreicht vorläufigen Höhepunkt

19.03. - Das Wetter zum Frühlingsanfang

18.03. - Als Deutschland im Schnee versank: Der strenge Winter 2005/2006

17.03. - Christian Andreas Doppler

16.03. - Nach turbulentem Wochenstart kehrt der Frühling zurück

15.03. - Gezeiten an Nord- und Ostsee, Windstau- und Sturmflutwarndienst und amphidromische Punkte

14.03. - Aprilwetter - der März übt schon mal

13.03. - Wie wahrscheinlich ist die Hitzewelle im Westen der USA?

12.03. - Luftmassen

11.03. - Wetterumstellung ante portas!

10.03. - Frag doch mal die Maus