22:12 MESZ | 22.07.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
Drucken
04. Dezember 2018 |

Als London im Nebel erstickte...

Als London im Nebel erstickte...

Datum 04.12.2018

Am morgigen Mittwoch jährt sich die große Londoner Smogkatastrophe zum 66. Mal. Mehr über die Hintergründe erfahren Sie im heutigen Thema des Tages.

Wir schreiben den 05. Dezember 1952. An diesem Freitag gehen die Leute der Englischen Hauptstadt (damals wie heute rund 8 Mio. Einwohner) wie gewohnt ihren Tätigkeiten nach. Sie gehen in die Schule, fahren zur Arbeit oder verbinden den morgendlichen Einkauf mit einem Spaziergang. Es ist ein frischer klarer Morgen. Am Flughafen Heathrow zeigt das Thermometer plus 2 Grad an. In einigen Randbezirken herrscht leichter Frost. Hin und wieder ziehen flache Nebelschwaden durch. "Kein Problem", denken sich die Allermeisten noch, schließlich sind sie derartige Wetterbedingungen auf der Insel ja gewohnt. Doch am Nachmittag wird der Nebel plötzlich so dicht, dass die Londoner ihre Autos auf den Straßen stehen lassen müssen, um sich an Hauswänden und Gegenständen den Weg nach Hause zu ertasten. Die Sichtweite geht bis auf wenige Meter zurück, tags darauf beträgt sie sogar weniger als einen Meter. Hatte man mit Müh und Not endlich die eigenen vier Wände erreicht, stellte man beim Gang unter die Dusche Erschreckendes fest. Nein, gemeint ist nicht der Blick in den Spiegel oder körperabwärts. Vielmehr sind sämtliche Kleidungsstücke mit einem schwarzen Rußfilm überzogen, selbst in der Unterwäsche finden sich Rückstände. Das öffentliche Leben kommt fast vollständig zum Erliegen. Immer mehr Menschen haben mit Atembeschwerden zu kämpfen, in den schnell überlasteten Krankenhäusern werden mehr als 150 000 Menschen behandelt, von denen 4000 unmittelbar und weitere 8000 an Spätfolgen versterben (Ersticken, Herzstillstand). Die Katastrophe historischen Ausmaßes zieht sich ganze fünf Tage bis sich am 09. Dezember die Luftqualität endlich bessert und die Menschen wieder durchatmen können.


Zum Vergrößern bitte klicken


Randbedingungen

Smogereignisse waren in London keine Seltenheit. In den Wintermonaten kamen schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts in unregelmäßigen Abständen Einschränkungen der Sichtweite und Luftqualität vor. Die Londoner Smogkatastrophe 1952 erreichte allerdings eine nie dagewesene Dimension. In der Nachkriegszeit hatte der Verkehr in der Metropole stark zugenommen, zugleich konnten sich die Menschen wieder Kohle für ihre Kamine und Öfen leisten. Verfeuert wurde aber - wie übrigens auch in den Fabriken und Kraftwerken - billige Braunkohle, wodurch besonders viel Schwefeldioxid (SO2) freigesetzt wurde. Die qualitativ bessere Kohle wurde dagegen gewinnbringend ins Ausland verkauft. Mit dem gleichfalls freigesetzten Stickstoffdioxid kam es in Verbindung mit den kalten Nebeltröpfchen (H2O) zu einer chemischen Reaktion, bei der die besonders gefährliche Schwefelsäure (H2SO4) entstand - ein tödliches Gemisch!

Meteorologische Einordnung

Wie bei austauscharmen Wetterlagen üblich, handelte es sich im betroffenen Zeitraum um eine ausgeprägte Inversionslage (siehe DWD-Lexikon). Dabei nimmt die Temperatur in den unteren Luftschichten mit der Höhe zu, man spricht von einer stabilen Schichtung. Selbst wenn sich eine Luftblase (durch Stadteffekte beispielsweise) bodennah erwärmen kann, ist sie kurz nach dem Abheben rasch wieder kälter und damit schwere als ihre Umgebungsluft und sinkt somit umgehend zurück zu Boden. Die Luft ist gewissermaßen unterhalb einer Sperrschicht gefangen - und die Menschen zugleich in ihr. Das wetterbestimmende Hoch mit Zentrum über Mitteleuropa verlagerte sich zum 09. Dezember langsam weiter ostwärts. Mit Annäherung eines Tiefs über Schottland brachte der auffrischende Südwind die lang ersehnte Durchmischung.

Seitdem halfen zahlreiche Maßnahmen zur Bekämpfung der Luftverschmutzung mit, dass Smogkatastrophen dieser Größenordnung nie wieder vorkamen.

Dipl.-Met. Robert Hausen

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 04.12.2018

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

22.07. - Nordströmung hält die Hitze auf Abstand

21.07. - Zwischen Physik und Künstlicher Intelligenz – Wie KI die Wettervorhersage verändert

20.07. - Spanien - Olé

19.07. - Deutliches Nordost-Südwestgefälle bei der Temperatur

18.07. - Von Trockenheit und rekordniedrigen Wasserständen

17.07. - Warum ziehen die Gewitter immer an mir vorbei?

16.07. - Kleines Höhentief, große Wirkung – eine Gewitternachlese

15.07. - Vom Scheren und schweren Gewittern

14.07. - Vom Höhenei bis hin zu schweren Gewittern

13.07. - Wie lange hält die hochsommerliche Hitze an?

12.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 10: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (a)

11.07. - Supertaifun BAVI

10.07. - Trockenheit im Südwesten Deutschlands

09.07. - Neue Hitze im Südwesten

08.07. - Sommersturm an der Ostsee

07.07. - Zwischen Sommerhoch und Tiefdruckeinfluss – Deutschland bleibt von der großen Hitze verschont

06.07. - Ein Blick auf die Pflanzenwelt - Phänologie

05.07. - Erwartet uns eine neue Hitzewelle?

04.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 9: Meteorologie um 1750

03.07. - Endlich wieder Durchlüften - aber wie lange?

02.07. - Deutschlandwetter im Juni 2026

01.07. - Von Regenbekleidung und Gewitterenergie

30.06. - Luftmassenwechsel bringt teils heftige Gewitter und Starkniederschläge

29.06. - Wie das Wetter die Waldbrandgefahr bestimmt

28.06. - Eine Hitzewelle für die Geschichtsbücher – Eine erste vorläufige Bilanz

27.06. - Hitze, Blitz und Donner!

26.06. - Geschichte der Meteorologie – Teil 8: Meteorologie um 1700 und erste meteorologische Messnetze zur Wetterbeobachtung

25.06. - Heiß, heißer, HARTMUT!

24.06. - Nur noch 6 Monate

23.06. - Sechsunddreißig Grad und es wird noch heißer