03:51 MESZ | 23.07.2026 Profi-Wetter| Mobile Seite| Kontakt| Impressum| Datenschutz
Social
19. Februar 2016 |

Der Schmetterlingseffekt

Der Schmetterlingseffekt

Datum 19.02.2016

Häufiger erhalten wir Anfragen, die das Wetter in ferner Zukunft betreffen. Doch die Wettervorhersage hat ihre Grenzen. Warum es diese Grenzen gibt und wo diese liegen, wird im Folgenden erörtert.


Trotz Schmetterlingseffekt haben sich die Wetterprognosen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert


Häufiger erhalten wir Anfragen der Art: "Wir wollen in 2 Monaten heiraten. Wie wird an unserem Hochzeitstag das Wetter". In solchen Fällen müssen wir das Hochzeitspaar leider enttäuschen, denn Wettervorhersagen sind für einen so langen Zeitraum nicht möglich. Doch warum sind dem Vorhersagezeitraum Grenzen gesetzt und wo liegen die Grenzen der Vorhersagbarkeit? Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst kurz erklärt werden, wie Wettervorhersagen in der Regel entstehen. In der heutigen Zeit leitet der Meteorologe seine Wetterprognose aus den Rechenergebnissen verschiedener Wettermodelle ab. Dabei wird von einem Hochleistungsrechner aus einem gegebenen Anfangszustand der Atmosphäre mit Hilfe von komplexen Gleichungen der Zustand zu einem späteren Zeitpunkt berechnet. Der Anfangszustand für diese Gleichungen ergibt sich aus den Stationsbeobachtungen, Messungen von Bojen, Schiffen und Flugzeugen, Ballonaufstiegen sowie aus Satelliten- und Radardaten. Wettermodelle liefern dem Meteorologen nicht nur die Feuchte- und Druckverteilung in verschiedenen Höhen, sondern auch Parameter wie die Temperatur, den Bedeckungsgrad sowie die Niederschläge.

Das Problem an den Berechnungen ist jedoch, dass die Atmosphäre ein chaotisches System ist. Das heißt, dass der zukünftige Zustand der Atmosphäre stark von den Anfangsbedingungen abhängig ist. Nur geringe Abweichungen in diesen Anfangsbedingungen können zu einer völlig andern Wetterentwicklung in der Zukunft führen. Der amerikanische Meteorologe Edward N. Lorenz, der Begründer der Chaostheorie, veranschaulichte diesen Effekt damit, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien unter Umständen einen Tornado in Texas auslösen kann. Heute ist dies als der sogenannte Schmetterlingseffekt bekannt. Lorenz gelangte zu dieser Entdeckung bei Computerrechnungen, die das Verhalten von Gasen und Flüssigkeiten simulierten.


In der Grafik wurde ein Schmetterling ĂĽber einen von zwei Lorenz-Attraktoren gelegt. Die Auspunktspunkte beider Attraktoren unterscheiden sich nur um 100000. einer Einheit und ihre Pfade beginnen bereits nach 23 Zeitschritten zu divergieren.


Nun lässt sich der Anfangszustand der Atmosphäre für die Wettermodelle nicht beliebig genau bestimmen. Zum einen gibt es nicht für jeden Punkt der Atmosphäre Messungen, zum anderen sind alle Beobachtungen in einem gewissen Rahmen fehlerbehaftet. Des Weiteren sind die Gleichungen in den Wettermodellen zum Teil nur Näherungen. So werden die Modellrechnungen mit zunehmender Vorhersagezeit immer unsicherer. Wie lange das Wetter noch einigermaßen vorhersagbar ist, hängt stark von der Wetterlage ab. Bei stabilen Wetterlagen ist der Zeitraum entsprechend länger, während er bei Grenzwetterlagen oft nur wenige Tage beträgt. Im Allgemeinen gilt jedoch, dass das Wetter derzeit, ohne auf regionale Detailprognosen einzugehen, im Mittel etwa 7 Tage vorhersagbar ist. Bis zu 10 Tagen kann man noch einen groben Trend angeben.

Um das Problem mit dem Chaos zumindest etwas in den Griff zu bekommen, werden sogenannte Ensemblerechnungen durchgeführt. Das bedeutet, dass ein Wettermodell mehrere Male mit jeweils leicht variierten Anfangsbedingungen gerechnet wird. Wenn sich jetzt bestimmte Wetterentwicklungen in den Berechnungen häufen, sind diese am wahrscheinlichsten. Zudem lassen sich dadurch Aussagen über die Vorhersagesicherheit treffen. Nähere Informationen hierzu finden sie in den Themen des Tages vom 19.12. und 20.12.2015, sowie vom 24.01.2016.

Dennoch wird sich auch in Zukunft trotz immer besserer Computer und genaueren Messdaten, die mögliche Vorhersagezeit nur wenig verlängern. Denn auch in Zukunft wird sich nicht jeder Flügelschlag von Schmetterlingen erfassen lassen. Der Mathematiker und Chaosforscher Wladimir Igorwitsch Arnold stellte fest, dass die prinzipielle Grenze von Wettervorhersagen bei 2 Wochen liegt. Wem das für die Hochzeitsplanung zu kurz erscheint, für den gilt auch in Zukunft in Sachen Wetter das Prinzip Hoffnung.

Dipl.-Met. Christian Herold

Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 19.02.2016

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



© Deutscher Wetterdienst

Themenarchiv:

22.07. - Nordströmung hält die Hitze auf Abstand

21.07. - Zwischen Physik und Künstlicher Intelligenz – Wie KI die Wettervorhersage verändert

20.07. - Spanien - Olé

19.07. - Deutliches Nordost-Südwestgefälle bei der Temperatur

18.07. - Von Trockenheit und rekordniedrigen Wasserständen

17.07. - Warum ziehen die Gewitter immer an mir vorbei?

16.07. - Kleines Höhentief, große Wirkung – eine Gewitternachlese

15.07. - Vom Scheren und schweren Gewittern

14.07. - Vom Höhenei bis hin zu schweren Gewittern

13.07. - Wie lange hält die hochsommerliche Hitze an?

12.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 10: Meteorologie Ende des 18. Jahrhunderts (a)

11.07. - Supertaifun BAVI

10.07. - Trockenheit im SĂĽdwesten Deutschlands

09.07. - Neue Hitze im SĂĽdwesten

08.07. - Sommersturm an der Ostsee

07.07. - Zwischen Sommerhoch und Tiefdruckeinfluss – Deutschland bleibt von der großen Hitze verschont

06.07. - Ein Blick auf die Pflanzenwelt - Phänologie

05.07. - Erwartet uns eine neue Hitzewelle?

04.07. - Geschichte der Meteorologie – Teil 9: Meteorologie um 1750

03.07. - Endlich wieder DurchlĂĽften - aber wie lange?

02.07. - Deutschlandwetter im Juni 2026

01.07. - Von Regenbekleidung und Gewitterenergie

30.06. - Luftmassenwechsel bringt teils heftige Gewitter und Starkniederschläge

29.06. - Wie das Wetter die Waldbrandgefahr bestimmt

28.06. - Eine Hitzewelle für die Geschichtsbücher – Eine erste vorläufige Bilanz

27.06. - Hitze, Blitz und Donner!

26.06. - Geschichte der Meteorologie – Teil 8: Meteorologie um 1700 und erste meteorologische Messnetze zur Wetterbeobachtung

25.06. - HeiĂź, heiĂźer, HARTMUT!

24.06. - Nur noch 6 Monate

23.06. - SechsunddreiĂźig Grad und es wird noch heiĂźer