Wie kann Architektur in Zeiten des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der steigenden Nachfrage nach Wohnraum ihrer Verantwortung gegenĂŒber der Gesellschaft gerecht werden? Dieser Frage sind die Teilnehmenden des "Solar Decathlon Europe" nachgegangen.
Der Solar Decathlon (englisch: solarer Zehnkampf) wurde 2002 als internationaler Hochschul-Architekturwettbewerb vom US-Energieministerium initiiert und findet seit 2008 auch in einer europÀischen Version als Solar Decathlon Europe statt. Erstmals war nun Deutschland in diesem Jahr Austragungsland und so kamen vor wenigen Wochen 16 Teams aus zehn LÀndern nach Wuppertal, um ihre Ergebnisse zu prÀsentieren: SolarhÀuser mit neutraler oder sogar positiver Energiebilanz.
Im Fokus des vom Bundesministerium fĂŒr Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Wettbewerbs stand erstmals das Konzept "Solar Decathlon Europe goes Urban", bei dem das nachhaltige Bauen und Wohnen im stĂ€dtischen Kontext im Mittelpunkt stand. Vor dem Hintergrund zunehmender Urbanisierung und knappem Wohnraum lautete die Devise also Um- und Weiterbau statt Abriss und Neubau.
Wie beim olympischen Zehnkampf, haben sich auch die Teams des Solar Decathlon Europe in zehn Disziplinen gemessen: Architektur, GebÀudetechnik und Bauphysik, Energieperformance, Realisierbarkeit und Sozial-ökonomischer Kontext, Kommunikation und Bildung, Nachhaltigkeit, Komfort, Funktion, Urbane MobilitÀt und Innovation.
Ein interdisziplinĂ€res Team vom Karlsruher Institut fĂŒr Technologie (KIT) hatte schlieĂlich die Nase vorn und holte den Gesamtsieg. Platz 2 ging an die TU Eindhoven, den dritten Platz teilten sich die Teams aus Grenoble und Delft. Doch was macht das SiegergebĂ€ude so besonders, wie sieht es aus und wie gelingt dort eine CO2-neutrale solargestĂŒtzte Energieversorgung?
Die Karlsruher widmeten sich einer FlĂ€che, die sich ĂŒber unseren Köpfen befindet, oft ĂŒbersehen wird und riesiges Potenzial an Bauland bietet: Die DĂ€cher der Stadt. Sie entwarfen ein GebĂ€udekonzept, das als Aufstockung fĂŒr ein GebĂ€ude aus dem 19. Jahrhundert (das Cafe ADA in der Altstadt von Wuppertal) konzipiert ist und ganz vom Gedanken der Kreislaufwirtschaft geprĂ€gt ist: eine Fassadenverkleidung aus Holz alter Scheunen aus dem Schwarzwald, nie verbaute Fenster aus dem Lager eines Fensterbaubetriebs, KĂŒchen- und Badezimmerabdeckungen aus recycelten Joghurtbechern, natĂŒrliche Baustoffe wie Lehmputz und getrocknetes Seegras als DĂ€mmmaterial. Dabei sind alle Verbindungen lösbar, auf Verwendung von Klebstoffen, Farben und ImprĂ€gnierungen wird verzichtet.
Die Energieversorgung des GebĂ€udes basiert auf PVT (photovoltaic-thermischen)-Kollektoren, die gleichzeitig Solarstrom und WĂ€rme fĂŒr eine WĂ€rmepumpe liefern, wobei letztere ein FuĂbodenheizungssystem und einen Warmwasserspeicher speist. Auch die Umwandlung von BioabfĂ€llen in Biogas zum Kochen wird berĂŒcksichtigt. Alles in allem wird der gesamte Energiebedarf im RoofKIT Projekt - dazu zĂ€hlt nicht nur die Versorgung des GebĂ€udes an sich, sondern auch alle GerĂ€te und E-MobilitĂ€t - aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Eine passive KĂŒhlstrategie, die im Sommer die Innenraumtemperaturen im gewĂŒnschten Komfortbereich hĂ€lt, sowie ein ausgeklĂŒgeltes Beleuchtungskonzept runden das Karlsruher Projekt ab - seien hier aber nur am Rande erwĂ€hnt.
Wer nun Lust bekommen hat, sich die nachhaltigen Bauten aus der NĂ€he anzuschauen - kein Problem! Acht der 16 Versuchsbauten sollen auch kĂŒnftig zu Forschungszwecken als sogenanntes Living Lab in Wuppertal stehen bleiben, der Rest wird rĂŒckgebaut und bekommt wahrscheinlich einen Ehrenplatz auf dem jeweiligen Campus der beteiligten Hochschulen.
Auch wenn die Zahlen recht ernĂŒchternd sind - etwa 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen und 40 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs gehen auf den Bausektor zurĂŒck - so zeigen sie doch auch ein groĂes Potenzial auf. Denn wo viel verbraucht wird, lĂ€sst sich (meistens) auch viel einsparen. Und vielleicht hat der Wettbewerb diesbezĂŒglich mit seiner Botschaft einen kleinen Beitrag geleistet: Zeigen, wie nachhaltige Architektur aussehen kann und damit möglichst viele (aktuelle und zukĂŒnftige) Hausbesitzer inspirieren.
Dipl.-Met. Magdalena Bertelmann
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 16.07.2022
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