Den geneigten Lesern unserer Themen des Tages wurde in den vergangenen Tagen aufgrund der komplexen Wetterlage ein buntes Potpourri unserer warnrelevanten Wetterelemente nĂ€hergebracht. Und auch am heutigen Montag tauchen wahlweise in der DWD-Warnkarte oder WarnWetter-App mit Wind, Regen, Tauwetter, Schnee, Frost und GlĂ€tte diverse Parameter auf, bei denen kritische Schwellenwerte ĂŒberschritten werden.
Tritt nun in einem Gebiet eine Kombination aus starkem Wind, Frost und Niederschlag gleichzeitig auf, so resultiert daraus ein PhĂ€nomen, das dem GroĂteil der Bevölkerung nicht so vertraut ist. Es handelt sich um die sogenannten "Leiterseilschwingungen".
Dieser Vorgang beschreibt die zusĂ€tzliche Belastung von Stromleitungen infolge massiven Schnee-, Reif- oder Eisansatzes. FĂ€llt beispielsweise wie in den vergangenen Stunden im GroĂteil des Bundesgebietes nasser Schneefall oder gefrierender Regen, so "pappt" dieser bei Temperaturen um den Gefrierpunkt an den Stromleitungen an und beschwert diese. Aufgrund einer gewissen ElastizitĂ€t, die die Leitungen allein aufgrund der jahreszeitlichen Schwankungsbreite der Temperatur haben muss, werden diese nun gedehnt und im Zusammenspiel mit krĂ€ftigem Wind zum Schwingen gebracht. In der Konsequenz ist durch die verĂ€nderte Form der Leiterseile keine glatte Umströmung mehr gewĂ€hrleistet, so dass sich stĂ€ndig kleine Wirbel ausbilden. Infolge der sich stĂ€ndig verĂ€ndernden LuftwiderstĂ€nde kann sich der Prozess letztlich soweit aufschaukeln (Resonanz), bis im Extremfall das Material sogar bricht - wie beispielsweise am 01. Adventswoche im Jahre 2005 beim MĂŒnsterlĂ€nder Schneechaos. So zog am 27.11.2005 ein Tief vom EuropĂ€ischen Nordmeer auf sĂŒdlicher Zugbahn ins MĂŒnsterland und blieb dort mehr oder weniger ĂŒber 3 Tage stationĂ€r mit lĂ€nger anhaltenden NassschneefĂ€llen und einer Gesamtschneehöhe von bis zu 50 Zentimetern. Unter dieser Last brachen bei Windböen bis 60 km/h (entspricht 7 Beaufort) zahlreiche Strommasten zusammen. Vom Stromausfall betroffen waren damals rund 250.000 Menschen und selbst 4 Tage nach Ende des Schneefalls waren noch nicht alle Orte wieder an das Stromnetz angeschlossen. Daraufhin sanierten ĂŒbrigens auch die Mehrzahl der Netzbetreiber ihre bestehenden Masten, die allmĂ€hlich in die Jahre gekommen waren.
Von den Vorhersagemeteorologen des Deutschen Wetterdienstes werden bundesweit zwar einheitliche Warnungen vor Leiterseilschwingungen herausgegeben, die aber als spezielle Warnungen nur auf Nutzeranforderung und nur fĂŒr vom Nutzer gewĂŒnschte Landkreise oder Warngebiete erstellt werden. Deshalb fehlen diese Warnungen auch in der Visualisierung auf den DWD-Internet-Warnseiten beziehungsweise in der WarnWetter-App. Die Kriterien beinhalten das kombinierte Auftreten von Lufttemperaturen zwischen +1 und -3 Grad Celsius, einer mittleren Windgeschwindigkeit gröĂer als 25 km/h (4 Bft) bei gleichzeitigem Schnee-, Eis- oder Reifansatz.
Welch "Ironie des Schicksals", das am heutigen Montag mit Durchzug des Tiefs YVES in einem Streifen vom Niederrhein bis ins Bremer und Hamburger Umland bei Temperaturen um den Gefrierpunkt erneut krĂ€ftige NassschneefĂ€lle zu erwarten sind. Diese halten bis weit in die kommende Nacht hinein an und können durchaus 10 bis 15 Zentimeter Neuschnee bringen. Somit ist auch bei dieser Lage das MĂŒnsterland explizit von einem erhöhten Risiko fĂŒr Leiterseilschwingungen betroffen, zumal bei vorĂŒbergehender Milderung die NiederschlĂ€ge zeit- und gebietsweise auch in Regen ĂŒbergehen können. Der Wind bleibt zwar zunĂ€chst relativ schwach, frischt aber in der zweiten NachthĂ€lfte auf der RĂŒckseite des Tiefs auch bis WindstĂ€rke 4 Beaufort auf. AbschlieĂend bleibt aber festzuhalten, dass vergleichbare AusmaĂe wie im Jahr 2005 allein aufgrund der Kurzlebigkeit des Ereignisses eher nicht zu erwarten sind.
Dipl.-Met. Robert Hausen
Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 11.12.2017
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