25. März 2013 |
Die Tücken auf der Jagd nach den Rekorden!
Der meteorologische Winter ist seit nunmehr fast vier Wochen
Geschichte, der kalendarische hat sich am vergangenen Donnerstag
verabschiedet und der Monat März ist auch schon in den letzten Zügen.
Für die Wetter- und Klimastatistiker bedeutet dies reichlich Arbeit.
Doch bei den Ergebnissen sollten Sie -ähnlich zu den Verträgen von
Versicherungen- das Kleingedruckte lesen. Denn auf dem Weg zu neuen
Rekorden wird von dem einen oder anderen gerne etwas getrickst.
Da die Messwerte feststehen und nicht verändert werden können, müssen
andere Möglichkeiten auf dem Weg zu den Wetterrekorden gefunden
werden. Für die Statistiker gibt es dabei meist zwei Möglichkeiten.
Entweder sucht man sich eine einzelne rekordverdächtige Station
heraus oder man verändert einfach den Vergleichszeitraum. Im
Folgenden will ich diese beiden Ansätze kurz beleuchten.
Für die Einordnung der aktuellen oder vergangenen Witterungsperiode
in einen vieljährigen Zeitraum ist es sinnvoll, Stationen zu
betrachten, die typisch für das Leben in Deutschland sind und einem
"allgemein gültigem" Wetter entsprechen. Für den "Normalverbraucher"
macht es also keinen Sinn, sich die Messwerte für eine Station im
Gebirge (Zugspitze, Feldberg, Fichtelberg, Brocken, etc.)
anzuschauen. Ebenso wenig sinnvoll ist die Betrachtung von Stationen
in hoch gelegenen Tälern wie z. B. dem Funtensee, einem hoch
gelegenen kleinen See im Berchtesgadener Land, der insbesondere im
Winter sehr tiefe Nachttemperaturen erreicht. Alle diese Stationen
sind nicht repräsentativ. Von "Rekordjägern" werden aber gerne genau
diese Stationen zitiert.
Aber auch im "Normalumfeld" kann die geschickte Auswahl der Station
den gewünschten "Rekord" bringen. In der Stadt macht sich z. B. der
sogenannte Wärmeinseleffekt bemerkbar. Darunter versteht man die
Wärmeabgabe durch Autos, Häuser und den Menschen sowie ihre
-speicherung durch die versiegelten Flächen. Sie hat einen großen
Einfluss auf die Messwerte. Aber auch außerhalb von bebauten Flächen
können die Messwerte der Stationen durch die Wahl bestimmter Böden
oder der Stationsausrichtung beeinflusst werden.
Die zweite Möglichkeit Einfluss auf "Rekorde" zu nehmen, ist die Wahl
des Vergleichszeitraums. In der Meteorologie wird dieser Zeitraum
auch als viel- oder langjähriges Mittel bezeichnet. Der Deutsche
Wetterdienst vergleicht seine Messwerte entsprechend der WMO
Leitlinien mit der Periode 1961 bis 1990. Private Wetterdienste
wählen auch gerne die letzten 20 oder 30 Jahre als Referenz. Dabei
ist die Periode 1981 - 2010 recht beliebt. 30 Jahre sollten es dabei
nach Möglichkeit aber sein. Ansonsten ist die Datenbasis für eine
verlässliche und aussagekräftige Statistik zu klein. Längere
Zeiträume sind grundsätzlich wünschenswert. Doch in diesem Fall
bleiben nur wenige repräsentative Stationen übrig.
Wie sich die Wahl der Vergleichsperiode auf potentielle Rekordwerte
oder auch einfach nur Durchschnittswerte auswirkt, zeigt sich z. B.
bei Berücksichtigung von verhältnismäßig warmen oder kalten Episoden.
Während den meisten Menschen die 90er als eher warme Jahre in
Erinnerung geblieben sind, waren die 60er Jahre als kalte Jahre in
die Statistik eingegangen. Bei der WMO-Vergleichsperiode sind die
warmen 90er Jahre außen vor, aber die kalten 60er berücksichtigt.
Daher fallen mögliche negative Abweichungen der aktuellen
Wintermonate meist eher moderat aus. Bei einem Vergleichszeitraum ab
den 80ern sieht dies schon anders aus. Durch die warmen 90er sind
dann schnell neue Kälterekorde aufgestellt.
Also Obacht, wenn die nächste Statistik kommt. Es gilt nämlich immer
noch der Spruch:
"Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast!"
(Winston Churchill)
Dipl.-Met. Lars Kirchhübel
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 25.03.2013
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